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Chronik Nr. 79 Spausdinti El. paštas

79

CHRONIK DER LITAUISCHEN KATHOLISCHEN KIRCHE Nr. 79

Diese Nummer ist dem Mitglied des Komitees der Katholiken zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen, Priester Alfonsas Svarinskas, gewidmet, der 21,5 Jahre für Gott und seine Heimat in sowjetischen Lagern verbracht hatte und der am 22. August dieses Jahres seine Heimat unfreiwillig verlassen mußte.


REDE DES KARDINALS V. SLADKEVIČIUS BEI EINER TAGUNG DER PRIESTER

In den Jahren 1952 bis 1957 durfte ich in dieser bescheidenen Kirche des Priesterseminars öfters reden. Ich durfte hier Betrachtungen vorlesen und Konferenzen abhalten. In dieser langen Zeit hat sich vieles geändert. Wir wissen aber, daß Veränderungen unterschiedlicher Art sein können, denn es gibt erfreuliche und traurige. Auch in dieser langen Zeit waren nicht alle Veränderungen erfreulich. Es ist schwer, sie alle aufzuzählen...

Heute, da wir uns aus Anlaß des Marianischen Jubiläumsjahres zu einer Festtagung hier versammelt haben und da wir uns auch an die Fülle der Gaben Gottes erinnern, die uns durch die Seligsprechung des Erzbischofs Jurgis Matulaitis zuteil wurde, dessen Jahrestag seiner Seligsprechung wir vor kurzem in Marijampolė feierlich begehen durften, stellen wir in beson­derer Weise fest, daß die erfreulichsten Veränderungen in diesem maria­nischen Jahr begonnen haben. Wie damals am Hochzeitstag zu Kanaa in Galiäa dürfen wir sagen, daß das Beste für uns bis jetzt aufgehoben wurde.

Gerade im Jahr Mariens treten in unserem Volke die wundersamsten Ver­änderungen in Erscheinung, die den Namen Umgestaltung tragen. Eine besondere Aussagekraft dieser Umgestaltung hat unser Volk vor noch nicht langer Zeit im Wingio-Park erlebt, als nach so vielen Jahren unsere dreifar-bene Flagge wieder feierlich wehte... als die Fragen erörtert wurden, die das ganze Volk bewegen. Wie schade, daß wir heute unsere Nationalflagge hier nicht sehen. Ist denn das für uns eine fremde Sache?! Ist denn das eine Sache, die unseren Blicken unerträglich ist, oder haben wir verlernt uns darüber zu freuen, worüber heute unser ganzes Volk sich freut? Oder verträgt sich das vielleicht nicht mit dem Priestertum? Nicht ohne Grund machen jene, die die Freuden der Umgestaltung im Wingio-Park erlebt haben, uns Priestern Vorwürfe, warum wir uns bei der Sache so fremd, gefühllos verhalten, als wenn wir uns keine Umwandlungen, keine Verän­derungen wünschen würden, als wenn wir uns mit dieser traurigen Lage abgefunden hätten. Die Bewegung der Umgestaltung läßt mich nicht in Ruhe, Ihre Delegationen kommen zu mir, eine nach der anderen, und fra­gen mich, warum wir schweigen? Dieses unser Wort sei die Antwort darauf - wir schweigen bislang, weil wir uns Sorgen darüber machen, weil wir das ernst nehmen.

Ich möchte heute nicht nur in meinen Namen, sondern auch im Namen der gesamten katholischen Geistlichkeit, erklären und unseren Geist klar­stellen, was wir in Wirklichkeit uns wünschen und was wir wollen, worüber wir klagen, worüber wir uns Sorgen machen und was wir fordern.

Einige Jahrzehnte lang waren die Katholiken und die Bekenner anderer Religionen in unserem Lande aus dem öffentlichen Leben ausgestoßen, in den Wänden der Kirche und von den Mauern des Kirchhofes und des Friedhofes eingeschlossen. Die jetzt stattfindende Veränderung des gesell­schaftlichen Lebens lädt uns ein und fordert uns heraus, die Obrigkeit der Kirche, wie auch die Priester und gleichermaßen die Gläubigen, ganz neu ihren Platz in der Geschichte unseres Volkes dieser Tage zu sehen. Inner­halb einiger Monate sind viele Einschränkungen des Wortes gefallen. In den letzten paar Jahren haben sich manche berühmte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der sowjetischen Republiken, unter ihnen auch einige aus unserer Republik, laut über die Bedeutung des religiösen Lebens für den Geist des Volkes und seine Moral ausgesprochen. Es wird schon öffentlich zugegeben, daß nicht nur die aufgezwungene Kollektivierung und die planlose Organisation, sondern auch die rücksichtslose Atheisie-rung die Seele unseres Volkes geschädigt hat. Das Gewissen der Menschen wurde geschädigt, als sie nicht das sagen durften, was sie dachten, und nicht das tun, was sie sprachen, als sie alles verachten mußten, was ihren Eltern, aber auch ihnen selber heilig war und ist. Die Kirche propagiert keine Rache, wenn sie auch die Meinung vertritt, daß man Vergehen gegen die Menschlichkeit, gegen die Freiheit und das Leben unschuldiger Men­schen nicht leicht vergessen darf. Es stimmt, die Gläubigen haben keine Verbannungen organisiert und keine ausgeführt, das haben die anderen getan. Sie haben keine Todesurteile oder langjährige Freiheitsstrafen unter­zeichnet, es gab aber und gibt vielleicht auch jetzt noch eingeschüchterte, hintergangene Gläubige in der Armee der schamlosen Verräter oder Zuträ­ger, die bei den damaligen Grausamkeiten mitgeholfen haben und die auch jetzt noch dieser Unterdrückungsapparatur als Helfer dienen. Wir ermah­nen in vollem Ernst solche gläubige Laien, besonders aber jene, die im Dienst der Kirche stehen. Wir wollen uns nicht täuschen lassen, wir wollen unsere Kleingeistigkeit nicht rechtfertigen, wir wollen an die schmerzvolle Verantwortung vor Gott und vor dem Volke denken. Kein Preis darf für uns zu groß sein, damit wir uns wieder frei, als Menschen guten Gewissens fühlen können. In jetziger Zeit werden zwei verderbliche Epochen der Geschichte des Volkes ständig genannt, der Diktatorskult und die Epoche der Erstarrung oder der Stagnation. In wieweit und wie haben diese Epo­chen das Leben der Kirche berührt? Zu Zeiten des Personenkultes des Diktators hat die Kirche gelitten, damals wurde dies aber nicht zugegeben, jetzt wagt man es, auch öffentlich darüber zu reden, jedoch noch sehr leise. Wollen denn wir, die Priester, auch nur leise darüber reden?! Jeder dritte Priester Litauens und vier von fünf Bischöfen waren eingekerkert, zahlrei­che Mitarbeiter der katholischen Organisationen, Arbeiter der christlichen Kultur, eifrige Gläubige waren eingekerkert oder verbannt, die gesamte katholische Presse, die Schulen und Bruderschaften wurden verboten; die Klöster wurden aufgelöst, eine nicht geringe Zahl von Kirchen und drei Priesterseminare wurden geschlossen, die Bibliotheken der Klöster und der Priesterseminare wurden konfisziert... Die Kirche hat schmerzvoll darun­ter gelitten, sie blieb aber damals die einzige Institution im ganzen Lande, die dem Diktator keine Ehrerbietung bewiesen hatte.

Während der Tauwetterperiode, als der Diktator schon gestorben war, wur­den weder die religiöse Presse noch die Schulen wieder hergestellt, im Gegenteil, es wurden erneut Kirchen geschlossen, es wurde mit einer syste­matischen Vernichtung der Kreuze und Kapellchen am Wegrand begonnen, der Kampf gegen den Glauben in der Presse und an den Schulen, der anti­religiöse Druck gegen die Intelligenz und die Beamten wurde verschärft. Durch Drohungen wurden die Kinder und die Jugendlichen vom Altar weggejagt, und als der Bischof von Vilnius, Julijonas Steponavičius, sich dagegen wehrte, wurde er nach Žagarė verbannt und wird bis jetzt gehin­dert, sein Amt auszuüben.

In der Epoche der Stagnation wurden Anstrengungen unternommen, auch der Kirche diese Stagnation aufzuzwingen. Diese Stagnation hat tiefe Wur­zeln geschlagen, so daß auch noch zu unserer Zeit der Rat für Religionsan­gelegenheiten der Union und seine Vertreter in unserer Republik sich nur sehr schwer für einen Dialog mit der Kirche entschließen können - sie wollen immer nur diktieren und alles so verwalten wie in alten Zeiten. In manchen Fällen wird nur von der Umgestaltung gesprochen, aber nichts Konkretes in dieser Richtung unternommen. Es geschieht sogar das Gegenteil. Es wurde angekündigt, daß im Priesterseminar zu Kaunas 150 junge Männer werden studieren dürfen, heute behauptet schon jemand durch irgendwelche dubiose Kanäle, die in der Presse nicht bekanntgege­ben werden, daß nur 145 junge Männer im Priesterseminar studieren dür­fen. Wer hätte die uns mitgeteilte Begrenzung ändern können?! Ich habe keine Information darüber erhalten, die anderen Bischöfe Litauens erhiel­ten ebenfalls keine. Durch welche Kanäle kommen solche Verordnungen? Man soll doch schriftlich öffentlich uns mitteilen, oder in der Presse bekanntgeben, daß in das Priesterseminar zu Kaunas weniger junge

Männer aufgenommen werden, als zu Beginn erlaubt wurde, und auch die Gründe dafür erklären. Das wurde aber nicht gemacht. Solche und ähn­liche Nachrichten erreichen uns nur durch rätselhafte, stille, geheime Kanäle. Dürfen wir, die Bischöfe und die Priester, immer noch schweigen und uns damit abfinden?!

Die Geschichte zeigt, daß die Kirche in der Lage ist, unter den verschie­densten staatlichen Systemen zu leben, die Kirche darf sich aber nicht mit ungerechten Einschränkungen ihrer Tätigkeit, mit den Verletzungen der Menschenrechte einverstanden erklären. Die Geschichte zeigt, daß die Freiheit niemals geschenkt wird, sondern daß die Menschen selber, die ganze Gesellschaft, wenn günstige Verhältnisse entstehen, sich wie Freie zu verhalten beginnen und nach Freiheit verlangen müssen. Wir dürfen nicht mehr länger warten. Drei Jahre sind schon ins Land gegangen, seit man uns die Herausgabe des neuen Statuts der religiösen Gemeinschaften ver­spricht, und immer schiebt man es hinaus, und es ist immer noch nicht klar, wann es tatsächlich herausgegeben wird. Ja, man versucht uns wie die Kinder in Schlaf zu wiegen, einzuschläfern, mit Versprechungen zu vertrösten...

Da die sowjetische Regierung das Konkordat zwischen der Republik Litauen und dem Heiligen Stuhl annulliert und eine Nichteinmischung in die kanonische Tätigkeit der Kirche proklamiert hat, hat die Verwaltung dieser Tätigkeit durch die Behörde des Bevollmächtigten des RfR und der Rayonverwaltungen wie auch anderer Organe für uns keine juristische Grundlage, und sie müßte aufhören. Wenn man eine wirkliche Umgestal­tung und normale Beziehungen will, dann soll man es doch der Kirche gestatten, sich ungehindert nach den Canones der Kirche zu richten und sich von dem von ihnen festgelegten hierarchischen und seelsorgerischen Tun leiten lassen. Nur auf diese Weise werden, soweit es den religiösen Sektor betrifft, die ersten Schritte zur Gründung eines Rechtsstaates gemacht, um den sich auch das bedeutungsvolle Forum im Wingio-Park Kopfzerbrechen machte, das kürzlich stattfand.

Die Priester, die Pfarrherren, die Vikare sollten nach unserer Meinung jetzt schon öffentlich mit der Katechese der Kinder und mit der Bildung der Jugend beginnen und nicht darauf warten, bis die Behörde des RfR einmal mitteilt, daß es erlaubt ist. Sie sollen auch nicht auf ein Sonderschreiben der Bischöfe warten, daß es ihnen erlaubt ist. Wozu denn noch ein Schrei­ben der Bischöfe, wenn die Canones der Kirche ihnen dieses Recht geben? Die Bischöfe haben doch den Priestern nicht verboten, die Kinder und die Jugendlichen zu katechisieren. Sie mögen selber damit beginnen und zu jenen Positionen zurückkehren, die wir verloren haben. Die Obrigkeit der Kirche, die Geistlichen und die Gläubigen dürfen nicht aufhören zu ver­langen, daß die Wiege des Christentums in Litauen, die Kathedrale von Vilnius, den Gläubigen zurückgegeben und die Profanierung der uns teuren St. Casimir-Kirche zu Vilnius beendet wird; daß die Rückgabe der Kirche „Königin des Friedens" von Klaipėda verwirklicht wird, daß die Genehmigungen erteilt werden, neue Kirche dort zu errichten, wo sie nach Beurteilung der Obrigkeit der Kirche von den Gläubigen benötigt werden.

Wir dürfen nicht aufhören, alle verantwortlichen Instanzen aufzurütteln, damit die Freiheit der religiösen Presse wiederhergestellt werde. Die Obrig­keit der Kirche, der Klerus und die Gläubigen selber müssen bestimmen, welche Veröffentlichungen in welcher Auflage von ihnen benötigt werden, und nicht Regierungsbehörden. Der Staat, der vor 40 Jahren Hunderte von kirchlichen Bauten und über ein Dutzend Druckereien enteignet hat, soll sich nicht einbilden, daß er uns irgendwas schenkt, wenn er uns eine Krume hinwirft und nachher vor der ganzen Welt darüber prahlt.

Die Gläubigen werden bereit sein, alle nur möglichen seelsorgerischen Maßnahmen sowohl individuell wie auch gruppenweise beim Apostolat der Versorgung der Alten, der Invaliden, der Waisen und der Kranken zu erweisen. Man hört schon Stimmen, daß die Wohltätigkeit wieder erlaubt wird, daß möglicherweise sogar manche klösterliche Gemeinschaften auf diesem Gebiet wieder arbeiten dürfen. Es sind aber bislang nur vereinzelte Stimmen. Wir fordern die gläubigen Laien, besonders aber die Geistlich­keit auf, die Bemühungen um die Erneuerung der Gesellschaft und um die Demokratisierung auf jede nur mögliche Weise zu unterstützen. Es ist nicht notwendig, daß wir in gewissen Bewegungen als Priester auftreten, wir wollen aber dieser Sache zugetan bleiben und sie mit allen möglichen Mitteln unterstützen. Sollte es dazu kommen, daß die an der Erneuerungs­bewegung teilnehmenden Laien einen Berater, Theologen, Kenner des Kirchenrechts benötigen, wird die Bischofskonferenz sie ernennen und ihnen zur Verfügung stellen.

Viel hat die Kirche in dieser Epoche gelitten, vieles wurde ihr weggenom­men. Ungeachtet dessen wollen wir geduldig bleiben, gegnerische Ge­sinnungen und unüberlegte Aktionen meiden, wir wollen aber nicht ver­gessen, daß das gläubige Volk nur dann geduldig bleiben kann, wenn es sieht, daß konkrete Schritte gemacht werden, und nicht nur leere Verspre­chungen.

Voriges Jahr haben die Bischöfe in der für den Jubiläumstag der Taufe Litauens vorgesehenen Predigt gesagt: Brüderlich danken wir allen, die mit der Kirche mitfühlen, allen, die wegen innerer oder äußerer Behinderun­gen glauben, nicht alle Sakramente empfangen zu können, die aber die Worte des Evangeliums hochschätzen, die den christlichen Geist durch ihr Verhalten, durch ihre Worte oder durch ihre Kunst unterstützen; allen, die die Anstrengungen der einzelnen Gläubigen oder der gesamten Kirche unterstützen und betreuen. Man möchte diesen Worten gerne noch eigens ein Dankeswort an alle Kulturschaffenden unseres Volkes beifügen, die, von der Gerechtigkeit und dem Gefühl der Heimatliebe angeregt, immer lauter ihre Stimme erheben für die christlichen Werte, gegen ihre Verach­tung, gegen die Diskriminierung der Gläubigen. Damit möchte ich unsere unvollkommen gestaltete erste Ansprache ergänzt wissen.

Wir sind fest davon überzeugt, daß durch die Fürsprache unserer himm­lischen Mutter Maria, durch unsere Fömmigkeit und durch die Erfüllung Ihrer Worte „Was Er euch sagt, das tut", die Lage sich zum Guten wenden wird. „Tut alles, was Er euch sagt..." Mit diesen Worten sprach unsere himmlische Mutter zum ersten und einzigen Mal zu der Menschheit und zu jedem von uns in Form einer Aufforderung. Sie weist uns damit gleich­zeitig darauf hin, was Sie von uns erwartet, was Sie von uns will und was Sie von uns verlangt, das wir tun sollen. Das Unglück in unserem Volke begann gerade damit, daß wir, obwohl wir die Freiheit dazu hatten, nicht das getan haben, was uns der Herr geboten hat; wir haben Seine Gebote nicht eingehalten, und das war der Anfang unseres ganzen Unglücks. Wenn wir uns alle, besonders die Geistlichkeit, in unseren Herzen dazu entschlie­ßen, das alles zu tun, was Jesus uns befiehlt, werden die günstigen Umwandlungen kommen und sich in schönster Weise zeigen und wir wer­den genau so sagen können, wie damals am Hochzeitstag zu Kanaa in Galiläa: Das Beste hast du bis zuletzt aufgehoben.

*

WIR BEDANKEN UNS FÜR DIE HINGABE

Am 12. Juli 1988 wurde Priester Alfonsas Svarinskas aus dem Lager mit strengem Regime zu Perm entlassen. Am 26. Januar 1983 war er festge­nommen, der antisowjetischen Agitation und Propaganda beschuldigt und gemäß §68 Teil 1 des StGB der LSSR zu 7 Jahren Lager mit strengem Regime und 3 Jahren Verbannung verurteilt worden. Nach fünfeinhalb Jah­ren, die er in verschiedenen Lagern mit strengem Regime in der Sowjet­union verbracht hatte, wurde Priester Alfonsas Svarinskas unter der Bedin­gung entlassen, daß er die Heimat verläßt und auf Einladung des Bischofs von Augsburg, J. Stimpfle, nach Westdeutschland emigriert.

Am Abend des 15. Juli 1988 traf Priester A. Svarinskas in Vilnius ein. Prie­ster A. Svarinskas, der schon dreimal verurteilt worden war, einundzwan-zigeinhalb Jahre seines Lebens in den verschiedensten Lagern des GULAGs verbracht und körperlich wie auch seelisch viel gelitten hatte, kehrte ungebrochen und voller Energie in die Heimat zurück, fest ent­schlossen, auch weiter zur Ehre Gottes und zum Wöhle seiner Heimat zu arbeiten. Litauen, das die ersten Versuche auf dem Weg der Erneuerung seines religiösen und nationalen Bewußtseins macht, empfing diesen Gei­stesriesen mit Verehrung und Begeisterung und nahm sein belehrendes Wort als geistiges Testament auf.

In der Zeit von etwas über einem Monat, die er in Litauen verbringen durfte, besuchte Priester A. Svarinskas die Pfarreien Vidiškės, Viduklė, Tel­šiai, Tauragė, Šiluva, Igliauka, Kybartai, Marijampolė, Vilnius, Paberžė usw., und wurde überall von Hunderten, ja sogar Tausenden von Gläubigen empfangen, die ihn lieben und sich nach seinem Wort sehnen. Am deut­lichsten aber hat das gläubige und ungläubige Litauen seine Solidarität mit ihm beim Abschied des Priesters A. Svarinskas von Litauen gezeigt, als er am 22. August 1988 im Tor der Morgenröte in Vilnius seine hl. Abschieds­messe feierte.

Schon am frühen Morgen strömten die Menschen zu diesem Heiligtum von Vilnius. Die St. Theresien-Kirche war bis zum letzten Platz voll mit Menschen. Über ihnen wehten majestätisch unzählige gelb-grün-rote Nationalflaggen und Blumensträuße. Eine ungezählte Schar von Jugend­lichen und mit Nationaltrachten gekleidete Mädchen erfreuten das Auge. Fünf Priester, darunter das Mitglied des Komitees der Katholiken zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen, Priester Vincentas Vėlavičius, die ehemaligen Gefangenen Priester Jonas-Kąstytis Matulionis und Priester Juozapas Razmantas feierten gemeinsam mit Priester A. Svarinskas, der gestern noch Gewissensgefangener war, die hl. Messe, die für die Wieder­geburt der Kirche und der Heimat geopfert wurde. Während seiner Predigt dankte Priester A. Svarinskas seinen Landsleuten für ihre Gebete und die Fortsetzung seines begonnenen Kampfes, begrüßte die wiedererwachende Intelligenz Litauens, erinnerte die Leute an den einzigen möglichen Weg zur Freiheit und lud alle ein, sich auf diesen einzigen Weg durch Stärkung der Sittlichkeit, Überwindung des Alkoholismus, der Sittenlosigkeit und der Drogensucht zu begeben. Die feurige, aber auch liebevolle Rede des Priesters begleitete langanhaltender herzlicher Applaus. Nach der hl. Messe sprach Priester Algimantas Keina das Abschiedswort. Er unterstrich in seiner Rede, wie Priester Alfonsas unser religiöses Bewußtsein und die menschliche Solidarität geprägt hatte, er gedachte auch seiner heldenhaft getragenen Unfreiheit und brachte seine feste Überzeugung darüber zum Ausdruck, daß das Band der Liebe und der gemeinsamen Arbeit nicht abreißen wird. Im Namen der jungen Christen Litauens sprach Priester Robertas Grigas. Er betonte besonders, daß die Namen des Priesters Alfon­sas Svarinskas und der anderen Gewissensgefangenen zum Symbol der Freiheit und der Gerechtigkeit, wie der Vytis (litauisches Staatswappen -Anm. d. Übers.), wie die dreifarbene Flagge, wie der Sorgenvolle für das Volk geworden sind. Die christliche Jugend wird niemals aufhören, nach den von Christus gebrachten Idealen zu streben, denn das Leben der Unschuldigen bewegt sie und stärkt sie dazu.

In seiner Antwortsrede brachte Priester A. Svarinskas seine Verwirrung wegen der ihm erwiesenen Ehrung zum Ausdruck; er habe sich selbst als einen einfachen Menschen betrachtet, der allein seine Pflichten richtig zu erfüllen bestrebt gewesen war. Er wies darauf hin, daß es manche gebe, die wesentlich mehr gelitten haben, wie Balys Gajauskas, der schon seit 37 Jahren die Ketten des GULAGs trägt, oder Viktoras Petkus, bei dem es 27 Jahre seien. Priester A. Svarinskas erklärte, daß er der festen Überzeu­gung sei, daß er aus dieser aufgezwungenen Verbannung wieder nach Litauen zurückkommen werde.

Von Orgelmusik begleitet, sang die ganze Menschenmenge kräftig die Nationalhymne Litauens „Lietuva, tėvyne mūsų" - „Litauen, unsre Hei­mat". Die Menschen, Erwachsene wie Jugendliche und Kinder, zogen alle zum Altar, gratulierten dem Priester A. Svarinskas, dankten ihm und über­reichten ihm Blumen. Als er auf der Didžioji-Straße erschien, schlug der Applaus der die Straße überflutenden Menschen Priester A. Svarinskas entgegen. Es bewahrheiteten sich die in der Predigt Priesters A. Svarinskas gesagten Worte: „Die Urheber des Films über mich haben die Frage gestellt: Wer sind Sie, Priester Svarinskas?' Ihr hier seid die Antwort darauf..."

Nach der hl. Messe besuchte Priester Alfonsas Svarinskas den im Kran­kenhaus liegenden, durch einen Unfall schwer verletzten Pfarrer von Kavarskas, Priester Babonas.

Gegen 12 Uhr bewegte sich eine lange Eskorte von Personenautos, die den Verbannten in Richtung Flughafen von Vilnius begleiteten. Auf dem Flug­hafen angekommen, erschien ein sonderbares Bild: Das Gebäude war von einer großen Menschenmenge belagert, über der eine weiß-gelbe Flagge des Papstes und die gelb-grün-rote und eine Unzahl von kleinen National­flaggen wehen. Etwas seitlich sah man eine Kette von Milizmännern und Beamten in Zivilkleidung, die jedoch die Versammelten nicht belästigten. Als Priester A. Svarinskas das Auto verließ, brach ein Sturm von Applaus aus, wie ihn Vilnius schon lange nicht erlebt hat. Vor den Füßen des Prie­sters wurden frische Blumen gestreut, über die er wie über einen Teppich zum Flughafengebäude ging. Die Leute brachten ununterbrochen ihrem geliebten Hirten Blumen, küßten seine Hände, dankten ihm, wünschten ihm alles Gute und weinten. Die Menschenmenge, die Priester A. Svarins­kas auf der Treppe zum Flughafengebäude umgab, skandierte einige Minu­ten lang im Einklang: „Li-tau-en wird wie-der frei!", und als der Priester sich im Flughafengebäude entfernte, begleiteten sie ihn mit dem donnern­den Ruf „Wir wer-den auf Sie war-ten! Wir wer-den auf Sie war-ten!"

Im Inneren des Gebäudes erklärte ihm der verantwortliche, höflich lächelnde Beamte des Flughafens die Anmeldungs- und Abflugsordnung und half ihm, alle Formalitäten zu erledigen. Als der Priester auf der Treppe erschien, wurde er vom Volke mit Blumen überschüttet, durch die Hände wurden Gebetbücher, Heiligenbilder, Ansichtskarten ihm zuge­reicht, bis seine ermüdeten Hände nicht mehr fähig waren, Autogramme zu geben. Es erklang wieder majestätisch die Nationalhymne, die Jugend sang Verbannten- und Volkslieder oder zu solchen gewordene patriotische Gedichte. Das alles filmten offizielle und private Filmemacher. Es wurde bekanntgegeben, daß der Abflug sich verzögere. Der schon erwähnte Mit­arbeiter des Flughafens lud Priester A. Svarinskas und die anderen Priester wie auch seine Angehörigen in einen separaten Raum des Flughafens ein. Das Flughafenpersonal verhielt sich sehr ehrfürchtig. Sogar solche Perso­nen brachten ihre Ehrerbietung zum Ausdruck und beschenkten Priester A. Svarinskas, von denen die Kirche das nicht erwartet hatte. Der Abflug wurde einige Male verschoben, bis Priester A. Svarinskas, sich verabschie­dend, die Kontrolle passierte. Die Leute standen hinter dem Netzdraht­zaun, der die Startbahnen von dem Hof des Flughafens trennt, sangen patriotische Lieder, winkten mit Blumen und kleinen Flaggen. So warteten die Leute fast eine volle Stunde lang, bis sich das Düsenflugzeug zum blauen Himmel Litauens emporhob und den physisch von uns wegriß, mit dem wir in unseren Herzen und gemeinsamen Zielen zusammengewachsen sind; aus den ihn liebenden Herzen, aus dem Leben der wiedergeborenen Heimat wird ihn aber niemand herausreißen können.

Eine kleine Schar fuhr nach Moskau, um dort Priester A. Svarinskas zu verabschieden; zu ihr gesellten sich die schon früher in die Freiheit gekommenen russischen Gefangenen und Gleichgesinnte.

Beim Abschied des Priesters A. Svarinskas erlebte die offizielle Propaganda der Lüge einen niederschmetternden Schlag. Das Volk hat deutlich gezeigt, was der Verleumdete, der Gepeinigte, der durch die Macht Gottes den Zwang und das Böse besiegt hatte, was dieser Priester Alfonsas Svarinskas für Litauen bedeutet. Litauen zeigte noch einmal seine Solidarität mit ihm, seine Dankbarkeit für seine Opferbereitschaft und seinen Entschluß, auf dem Weg der Selbstaufopferung für Gott und die Heimat ihm zu folgen.

*

PRIESTER ALFONSAS SVARINSKAS NIMMT ABSCHIED.

Was ließest du zurück dem blinden Schicksal von Tod und Gewalt

als du das Heimatland der Ahnen so plötzlich verlassen hast?

Die alten Burgruinen, die Siedlungen, den Weg des Morgensterns, -

damit sie dem Verirrten leuchten, wenn der Himmel finster wird,

wenn die Hoffnung und Wege sich verstricken.


Was nahmst du mit, als die Schmerzensrute hart die Erde traf,

und du das Gehöft der Heimat so plötzlich verlassen hast?

Das Blut der Ahnen, ihren Namen und in deinem Herzen Freiheitslicht, -

wie ein ew'ges Denkmal trag es auf deiner langen Reise,

wie einen großen Reichtum trag es im Herzen mit dir.


Wie ihre heiligen Spuren sind von Bedrängnis geprägt,

so sind auch deine Tage dem Kampf, den Entbehrungen geweiht.

Wenn das Schicksal deiner Heimat einen neuen Morgen schenkt, -

dauern sie fort, wie ein Testament aus unvergänglichem Granit,

für alle Tage, für dein Kind und Kindeskind.

(B. Brazdžionis)


»Meine Brüder und Schwestern in Christus, alles, was gut ist, vergeht sehr schnell. Noch vor einigen Tagen haben wir meinen Empfang gefeiert, heute heißt es für mich schon wieder Abschied nehmen. Ich danke herzlichst meinen Mitbrüdern im Priesteramt, meinen geliebten Pfarrangehörigen und allen, die sich heute in Viduklė versammelt haben, um mit mir zu beten und uns gegenseitig zu stärken, damit wir wieder auf dem Weg des Lebens weiterwandern können. Es ist ja Gottes Wille. Wir haben auf dieser Erde keine bleibende Stätte, sondern wir suchen nach der zukünftigen, und nach dieser zukünftigen Stätte suchen wir jeder auf seine Weise; allen gemeinsam ist nur das eine - daß wir gewissenhaft unsere Pflichten erfül­len und ein gesundes Empfinden besitzen, daß wir Christen, Katholiken und Litauer sind.

Es fällt mir nicht leicht, heute zu Ihnen zu reden... wenn man scheiden muß. Damit wir aber deswegen nicht traurig sind, verspreche ich Euch, daß ich bei der nächsten Gelegenheit in die Heimat zurückkommen werde -wann, nach einer Woche, nach einem Monat oder nach einem Jahr, ist ohne Bedeutung, ich komme aber zurück; ich komme, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe. Ich verstehe noch nicht genau, was Gott mit mir vor hat, welche Aufgabe auf mich wartet, ich fahre als Priester weg und ich hoffe, daß ich den Katholiken nützlich sein werde, in erster Linie meinen Landsleuten, und später, wenn es nötig wird, auch anderen.

Diese meine zusammenhanglosen Worte sollen wie ein geistiges Testa­ment, ein Gebot der Liebe sein. Zuerst danke ich allen für ihre Gebete, für ihre Briefe, wenn auch die meisten von ihnen mich nicht erreicht haben. Ich habe mich einmal mit dem Staatsanwalt von Tschusawow unterhalten. Ich fragte ihn, warum mir meine Briefe nicht ausgehändigt werden, die Leute schreiben mir doch bestimmt. Der Staatsanwalt antwortete mir: Ja, auf Ihre Adresse kommen Briefe massenweise, was aber schreiben Ihnen die Leute?! Sie schreiben, Sie möchten alles ertragen und in die Heimat zurückkehren... Und das ist, nach ihrer Auffassung, schon ein Vergehen. Ich danke Ihnen für Ihre moralische Unterstützung und für die Blumen. Es war erfreulich, im Lager zu hören, daß Sie sich alle diese Jahre hindurch am 26. jeden Monats in der Kirche von Viduklė versammelt haben, um für mich und für alle Leidenden zu beten. Das hätte ich mir nicht ausgedacht, das hat Euer lebendiger Glaube und Eure Liebe erfunden. Die Gefangenen anderer Nationalitäten wunderten sich und waren begeistert darüber, daß die Litauer eine so große Stütze haben, die Katholische Kirche. Wir wol­len, meine lieben Brüder, auch weiter dem Glauben treu bleiben, denn er ist ein großes Geschenk, ein Steuer durch das Leben. Wenn wir den leben­digen Glauben bewahren, werden wir alle Stürme des Lebens bestehen, wir werden uns nicht verirren, nicht auf seichten Stellen stranden und nicht untergehen.

In der alten Literatur hat Homer beschrieben, wie die Griechen Troja über­fallen haben, es aber nicht einnehmen konnten. Da ersannen sie eine List -sie schufen ein großes hölzernes Pferd, in dem sich ihre Soldaten versteck­ten. Sie ließen das Pferd stehen und zogen sich selber zum Schein zurück. Die Trojaner zogen das Pferd selber in ihre Stadt. In der Nacht stiegen die Soldaten aus dem Pferd heraus, sperrten das Stadttor auf, und so konnten die Griechen Troja einnehmen. Es wurde, und es wird auch jetzt und in der Zukunft versucht, in die Katholische Kirche Litauens ein trojanisches Pferd hereinzuführen. Da man es aber mit grober Gewalt hereinbringen will, ist es leicht zu entlarven und ihm entgegenzutreten. Ich habe gehört, daß in Litauen Sekten und verschiedene religiöse Bewegungen auftreten. Mancherorts sind vielleicht solche Bewegungen auch keine schlimme Sache, in unserer Lage aber besteht akute Gefahr, sich zu verirren und auch die anderen irrezuführen. Der hl. Paulus hat gesagt: „Wenn jemand einen anderen Glauben verkündet als ich euch verkünde, wäre es auch ein Engel, er sei ausgestoßen". Wir haben das uns vor 600 Jahren verkündete Evangelium, wir haben unsere kirchliche Obrigkeit, wir haben die hl. Messe, die Sakramente, mit einem Wort, wir haben alles, was wir für das Seelenheil benötigen, wir wollen also unseren Hirten von Herzen gehor­chen, in erster Linie dem Kardinal, der der Katholischen Kirche Litauens vorsteht; wir wollen uns gegenseitig unterstützen und untereinander vertra­gen, dann werden wir ganz sicher jegliche Provokationen vermeiden und keinen Schaden erleiden. Wir wollen uns keinen Versuchungen ergeben, uns miteinander beraten, einander fragen, das letzte Wort soll aber der Obrigkeit der Kirche überlassen werden. Wir wollen ihr gehorchen, denn sie sieht viel besser, was die Kirche benötigt.

Christus hat gesagt: Alle werden erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe habt zu einander. Wir wollen, meine Brüder, einander lie­ben, nicht kleinlich sein, wegen Kleinigkeiten einander nicht beschuldigen, wir wollen einer dem anderen vergeben. Die Russen haben ein gutes Sprichwort: Miß siebenmal, schneide aber erst beim achten Mal ab. Wir wollen es auch so machen, denn ein Wort kommt manchmal unüberlegt heraus, es kann aber einem anderen großen Schaden anrichten. Wir wollen mit unseren Worten vorsichtig umgehen. Es ist doch viel besser, hundert mal selbst zu leiden, als ein einziges Mal jemanden zu verletzen. Wir wol­len Gott von ganzem Herzen lieben, dann wird alles gut. Mir scheint, daß das Leben nicht so kompliziert ist, wir verirren uns nur selber ab und zu darin, wir folgen der Mode der Zeit. Sollte jemand sagen, daß es keinen Gott gibt, glaubt es nicht. In der Heiligen Schrift steht geschrieben, daß nur ein Narr sagte: Es gibt keinen Gott. Es gibt Gott, und Er führt jeden von uns auf wundersamen Wegen; was uns nottut, ist nur das eine: sich dem Willen Gottes nicht widersetzen. Wir sollen ein gutes Leitmaterial sein.

Wir wollen uns dem Geist der Zeit nicht ergeben, unsere Kirchen sollen immer voll sein, wir wollen oft zur hl. Kommunion gehen, damit wir, gestärkt mit dem Leib und Blut Christi, in der Lage sind, einen guten Kampf zu kämpfen und auch zu gewinnen. Wir wollen, soweit es möglich ist, unseren Glauben vertiefen. Ich habe gehört, daß die Regierung die Priester bei der Katechese der Kinder nicht mehr behindert. Wir müssen alle uns gut dazu vorbereiten und die Katechese gewissenhaft durchführen. Wir müssen aber nicht nur die Kinder unterrichten, sondern wir alle, meine Brüder, müssen lernen und lernen. Wir wollen zur Winterszeit, wenn wir mehr freie Zeit haben, auch an Werktagen öfters in die Kirche kommen, um dort das Wort Gottes anzuhören. Die meisten von uns haben die eine oder andere Lehre abgeschlossen; wir wollen uns aber auch um Weiterbildung bemühen und öfters ein religiöses Buch zur Hand nehmen. Fragt doch bei Priestern oder aktiveren Gläubigen danach! Ich glaube, daß es mit der Zeit mehr solche Bücher geben wird. Wir müssen uns alle der Katechesearbeit anschließen, denn nur dann können wir gute Ergebnisse erwarten. Wir wollen uns entschließen, jeden Sonntag und auch sonst zu jeder arbeitsfreien Zeit wenigstens eine Stunde Zeit unseren Nächsten zu widmen; wir wollen unsere Freunde, Verwandte, Nachbarn besuchen und zu ihnen und mit ihnen von Gott reden. Wir haben genug über das Vergängliche dieser Erde gesprochen. Es wird außerdem vergehen; es ist die Zeit gekommen, um über Gott zu sprechen. Wir wollen uns also dazu entschließen und es auch in die Tat umsetzen. Wenn wir die göttliche Wahrheit in uns immer tiefer aufnehmen, werden keine trojanischen Pferde uns eine Bedrohung sein, denn wir werden selbst das Korn von der Asche unterschieden können.

Es genügt nicht, ein Gebetbuch, einen Rosenkranz zu besitzen und ab und zu in der Kirche zu erscheinen. Es ist notwendig, die Gebote Gottes zur Grundlage unseres Lebens zu machen. Möge alles, was gegen die Gebote Gottes ist, fremd in unserem Leben sein. Ein Christ darf kein passiver Beobachter sein. Niemals. Das Leben ist kein Schauspiel. Wir werden für jede Stundes dieses Lebens Rechenschaft ablegen müssen und deswegen sage ich, daß jeder von uns ein Kämpfer sein muß, der gegen die derzei­tigen Übel vorgehen muß.

Ein Übel, das wir seinerzeit nicht zugeben wollten, das jetzt aber zu einer schweren Krankheit unserer Gesellschaft geworden ist, ist die Alkohol­sucht. In der hl. Schrift steht geschrieben, daß alles, was Gott geschaffen hat, gut ist. Auch ein Glas Wein ist also gut, wenn aber unsere Gesellschaft krank ist, wenn sie das Maß verloren hat, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, sich zu erheben, müssen wir ein Beispiel der Enthaltsamkeit setzen. Ich meine, daß wenigstens bis zum 20. Lebensjahr die Jugendlichen Anti­alkoholiker sein sollten. Die Menschen reiferen Alters, wenn sie sich von den alkoholischen Getränken nicht überhaupt enthalten möchten, mögen wenigstens nüchtern bleiben. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß man bei Gelegenheit, wenn man beispielsweise Gäste hat, keinesfalls aber bei Beerdigungen oder Totengedenken, sondern bei der Hochzeit, bei der Kindtaufe, wenn alte Freunde nach längerer Zeit sich begegnen, nicht mehr als 100 Gramm alkoholische Getränke zu sich nehmen sollte. Die Norm wurde von früheren gebildeten Männern Litauens festgelegt, die auch jetzt sehr schön sich zum Wöhle unseres Volkes betätigen und unter dem Namen „Bewegung zur Umgestaltung" uns allen bekannt sind. Sollten Sie auch einmal was trinken, trinken Sie dann nicht auf den Feldern eines Kolchos, in einem Lager, in einem Stadtpark oder irgendwo hinter einem Gebüsch, sondern trinken Sie an einem weißgedeckten Tisch, denn einen Tisch weiß decken kann nur eine Mutter, eine Ehefrau oder eine Schwe­ster. Wenn einer selbst trinken möchte, soll er niemals auch einen anderen dazu auffordern. Diese Regeln soll man streng einhalten.

Gott liebt das litauische Volk und führt es. Er gab uns viele gute Priester, mutige Laien und im letzten Jahr einen seligen Erzbischof Jurgis Matulaitis, einen Kardinal und viele andere Gaben. Er hat das alles nicht umsonst gegeben. Das ist eine Entlohnung für alle jene Opfer, die unsere Lands­leute in diesen Nachkriegsjahren dargebracht haben und die dazu ent­schlossen sind, wenn es nötig ist, sich auch in der Zukunft zu opfern. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir noch viele Opfer in der Zukunft brau­chen werden, daß das Leben noch viel von uns abverlangen wird. Als ich noch im Lager war, habe ich zu meinen Schicksalsgenossen gesagt: Seid nicht traurig, ich werde nach Litauen zurückkehren, aber andere Priester werden zu euch kommen. Nach meinem Verstand möge Gott zulassen, daß jährlich einige Priester wegen ihrer Treue zu Christus festgenommen wer­den sollten. Man darf deswegen nicht in Panik geraten oder hoffnungslos traurig sein. Ein Priester wird im Lager sehr, sehr benötigt. Rußland ist auf der Suche nach Gott, und wir müssen ihn ihm zeigen. Es ist die Pflicht der Gläubigen, das zu tun, war Ihr getan habt - für die Verhafteten zu beten, darunter auch für die Priester, damit sie aushalten und, soweit sie können, Zeugnis für Christus ablegen. Fürchtet Euch nicht, für Gott leiden zu müs­sen. Wir sehen das Leben nicht durch eine Geldmünze, nicht mit Augen eines Händlers, sondern mit den Augen eines Christen. Wir wollen zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit suchen, und alles andere wird uns dazu gegeben werden. Wir wollen mit ganzem Herzen gegen Alkoholismus und Drogensucht antreten. Wir wollen gegen die moralische Zügellosigkeit antreten, die bei uns so weit verbreitet ist, die aber schon öffentlich als Übel angesehen wird.

Nach meiner Rückkehr bin ich in Litauen herumgefahren und habe mich noch einmal davon überzeugt, daß ein Apfel nicht weit von seinem Stamm fällt; dort, wo die Eltern überzeugte Christen sind, dort sind auch die Kinder ihrem Glauben treu und sittsam. Es gibt aber auch Ausnahmen -die Eltern sind anständig, die Kinder befinden sich aber auf Irrwegen. In solchen Fällen wollen wir beten, und die hl. Monika, die jahrelang für ihren Sohn Augustinus betete, möge für uns ein Beispiel sein. Wir wollen Gott vertrauen und beten.

Wir wollen, als Christen, uns hüten, jemandem ein schlechtes Beispiel zu geben. Schlechte Beispiele wirken auf Menschen unserer Zeit wesentlich mehr, als je zuvor. Wir wollen das Beispiel eines guten Benehmens sein und dadurch ein Zeugnis für Christus ablegen. Ich möchte diese Gelegen­heit dazu benutzen, um mich bei der Jugend von Viduklė zu bedanken. Sie hat durch ihr Vertrauen der Kirche einen Dienst erwiesen und mir eine große Freude bereitet. Der Sekretär der Kommunistischen Jugend der Berufsschule von Raseiniai hat sich vor Gericht beklagt, daß es schwer sei, mit den Schülern aus Viduklė zu arbeiten. „Ich konnte zu ihnen reden, wie ich nur wollte, sie gaben mir immer zur Antwort: Der Pfarrer hat zu uns gesagt, daß man sich in der Fastenzeit nicht vergnügen darf, und so immer... - der Pfarrer hat gesagt...", - erzählte der Sekretär. Die Jugend hat eine gute Tat vollbracht. Die Gottlosen haben gehorcht und sich gewundert, daß heutzutage die Jugend dem Pfarrer folgt. Folgt mir, meine Brüder und Schwestern, auch weiter.

Ich habe in meinem Leben nicht wenig gesehen und erlebt. Ich habe Not und Leid ertragen müssen und ich freue mich, daß mein Herz frei von Haß geblieben ist. Möge Gott allen vergeben, die mir Böses getan haben und ich selbst bitte Gott und Sie alle um Vergebung, wenn ich jemandem weh getan habe, wenn ich nicht alles getan habe, was ich tun konnte und sollte. Danke noch einmal dafür, daß Sie für mich gebetet und Ihren Glauben lebendig bewahrt haben. Es tut einem Priester gut zu wissen, daß die Men­schen ihn lieben. Diese Liebe gibt ihm Kraft und Stärkung, auf dem Weg des Lebens zu gehen, gewissenhaft die Last des Amtes und der Opferbe­reitschaft zu tragen. Ich habe etliche Pfarreien besucht, aber diese Liebe, die Sie mir entgegenbringen, habe ich nicht verdient. Ich bin nur ein ein­facher Streiter Gottes. Ich bin davon überzeugt, daß Sie mit ihrem Verhal­ten und durch ihre mir gezeigte Liebe, ein Beispiel den anderen, besonders den jungen Priestern Litauens zeigen. Ihr bezeugt noch einmal überzeu­gend, daß niemand, nicht einmal die gottlose Regierung oder Gefängnisse und Lager in der Lage sind, einen Priester bloßzustellen. Sich bloßstellen kann nur er selbst.

Als ich im Lager war, sehnte ich mich von ganzem Herzen danach, Litauen wieder zu sehen, noch einmal auf seinen Wegen reisen zu dürfen... Ich dachte an die Heimat, sang ihre Lieder, und ich sang sie so, wie ich sie sin­gen konnte, damit nachher niemand sagen kann, daß die Litauer im Ural nicht gesungen haben. Manche alten Gefangenen meinten, als sie dies sahen: Er ist wahrscheinlich durch das lange Sitzen mit seiner Vernunft in Konflikt gekommen. Sie konnten uns, die Gläubigen, manchmal nicht be­greifen, woher wir nicht selten in den bedrohlichsten Momenten unsere Kraft nahmen. Wir haben diese sonderbare Kraft aus dem Kreuz Christi, aus unserem Gebet geschöpft.

Meine Brüder und Schwestern in Christus, wir wollen auch weiter fürein­ander beten. Ich weiß es nicht, wo ich hinkommen werde, ich möchte aber auf meinen Knien und mit meinem Herzen alle heiligen Stätten besuchen, so, wie wir es in Šiluva getan haben. Aus Dank für all das Gute werde ich in meinen Gebeten Eurer wie auch unserer gemeinsamen Anliegen und Ziele gedenken. Ich wünsche nur innigst, daß dies alles Euch herausfordert, nur Gutes zu tun, nur gute Glieder der Kirche zu sein. Ich könnte noch lange reden, aber es ist genug. Wir haben uns wieder gesehen, uns gegenseitig gestärkt, uns erholt und jetzt werden wir gehen, nach der zukünftigen Stätte zu suchen, die wir hier, auf dieser Erde nicht haben. Ich hoffe, daß wir uns hier in der Heimat sicher noch sehen werden. Dreimal bin ich von meiner „Dienstreise" in den Osten zurückgekommen, ich werde auch aus dem Westen zurückkommen. Das Warten auf das Wiedersehen und die Freuden mögen unsere Kräfte beleben, damit wir weiter leben und arbei­ten können. Wenn ich selbst nicht zurückkommen werde, werde ich zurückgebracht, um neben Maria von Viduklė beerdigt zu werden, damit die Pfarrfamilie Viduklė mir zum letzten Mal die Kreuzwegstationen sin­gen kann. Das möchte ich und danach sehne ich mich, jedoch Sein heiliger Wille geschehe. Es ist vor allem wichtig, daß wir uns im Himmel begeg­nen dürfen. Ich möchte mit dem Glückwunsch des großen Präsidenten R. Reagan schließen: „Möge Gott Euch alle segnen." Amen.«

Ich rufe das Volk, von der GPU gejagt,

zerstreut, wie das herbstliche Laub:

Auf einen neuen Weg, in ein neues Leben,

wo es der Wind aus dem Norden verschont.


Ich rufe den Litauer, sich mit dem Litauer zu vereinen,

lebendiges Herz mit lebendigem Herzen.

Wenn sie die finstere Nacht überstanden -

nun sollen sie leben und blühen für morgen.


Kommt aus Finsternis, aus Dämmerung hervor,

entzündet ein neues Feuer in euren Herzen!

Laßt doch die Sklaven in ihrer dunklen unheimlichen Not! -

Ich rufe euch alle, ich, eurer Urahnen Geist.


Ich rufe die Millionen der Hände zur Arbeit:

Für neues Schaffen laßt klingen die Glocken...

in Speichern der neuen Freude, in Scheunen der neuen Ernte,

nicht aber in Kerkern, in Sümpfen, im Grab.


Ich rufe euch auf im Namen der Heimat, der armen,

rufe mit der Stimme der Burgen, der Wiesen und Wälder:

Übet nicht Rache, damit nicht als ewiger Fluch

auf eure Kinder und Enkel komme das Blut!


Ich rufe aus der Ewigkeit: - Nicht wert ist der Zukunft,

wer nicht wirkte, die Gegenwart des Volks zu gestalten,

wer seinem Stiefkind die Wunden, in seinem Herzen klaffend,

mit der Flamme des zwiespältigen Feuers ausbrannte.


Ich rufe mit den Stimmen der Götter von Ramovė,

doch auch mit der Taufe, dem Licht der Versöhnung:

Steht fest hier und ewig so, wie die Sonne steht fest!

Dazu rufe ich auf, ich, eurer Urahnen Geist.

(Bernardas Brazdžionis)


ES GIBT KEINE FREIHEIT OHNE GEWISSENSFREIHEIT

(Ein Aufruf an die Bewegung zur Umgestaltung)


Wir, die um die Umgestaltung der Gesellschaft besorgten Katholiken, wol­len die Aufmerksamkeit der Bewegung darauf lenken, daß die Demokrati­sierung solange unmöglich ist, solange die Rechte der gläubigen Bürger nicht den Rechten der anderen Bürger entsprechen und solange nicht alles Notwendige getan wird, um diese Gleichheit und eine allseitige Gewissens­freiheit garantieren zu können.


I. Gleichheit der Rechte

Sowohl die frühere stalinistische Verfassung der UdSSR (Art. 124), als auch die jetzt gültige von Breschnew (Art. 52) legen beide eine prinzipielle Ungleichheit zwischen Gläubigen und Ungläubigen fest: Sie garantieren den Ungläubigen das Recht, ihre Überzeugungen zu verbreiten - atheisti­sche Propaganda zu betreiben, den Gläubigen aber nur, religiöse Kulthand­lungen auszuüben, doch nicht ihre Anschauungen zu verbreiten. Die die Religion betreffende Gesetzgebung ist äußerst restriktiv, alle Massenme­dien aber sind verpflichtet, den Atheismus zu verbreiten. Sogar das Recht, an religiösen Kulthandlungen teilzunehmen, ist oft den Bürgern vieler Gesellschaftsschichten untersagt, was besonders die Intelligenz und die studierende und schulpflichtige Jugend betrifft.

Die Befürworter der Demokratisierung der Gesellschaft sollten danach streben, daß die Verfassung allen Bürgern das Recht garantiert, ihre Anschauungen (religiöse ebenso wie auch atheistische) zu bekennen und sie frei zu verbreiten und zu verteidigen, aber auch die gleichen Rechte für die Benützung der Massenmedien sichert. Die atheistische Propaganda sollten die Atheisten aus eigener Tasche finanzieren, nicht der Staat, denn die Mittel für den Staat müssen die Gläubigen wie auch die den Glauben befürwortenden Bürger verdienen, die in unserer Republik die Mehrheit ausmachen.


2. Der Staat - die Kirche - die Schule

Artikel 52 der oben erwähnten gültigen Verfassung besagt, daß „in der UdSSR die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche getrennt sind". Die Logik und die Gerechtigkeit verlangen in diesem Falle, daß die Tren­nung in beiden Fällen dasselbe bedeuten soll. So, wie es der Kirche nicht erlaubt wird, sich in die innere Sphäre der Schule einzumischen - in die Ernennung der Lehrkräfte, Lehrerorganisationen, so müßte auch der Staat auf die Ernennung der Geistlichen (z. B. unter dem Vorwand der Anmel­dung), auf Vorbereitungen der kirchlichen Feierlichkeiten, auf die Auswahl der Kandidaten für das Priesterseminar usw. verzichten. Der Staat dürfte den religiösen Gemeinschaften keine Struktur weltlicher Organisationen aufzwingen (Zwanzigerräte und ihre Exekutivkomitees, die höher gestellt werden als die hierarchischen Organe). Und schließlich, ungeachtet der Trennung der Kirche von Staat, genauso, wie von den Gläubigen und der kirchlichen Obrigkeit die größte Loyalität hinsichtlich der Tätigkeit des Staates gefordert wird, so müßte auch die Trennung der Schule von der Kirche nicht als eine Verpflichtung der Schule, gegen die Religion und die Kirche zu kämpfen, interpretiert werden.

Leider wurde bis jetzt Artikel 52 der Verfassung nur so interpretiert. Schon nach Anlauf der Umgestaltung im Mai dieses Jahres verjagte der Direktor der Mittelschule von Salininkai im Rayon Vilnius den Priester vom Fried­hof, als er auf Einladung der Eltern eine bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Schülerin nach kirchlichem Ritus beerdigen wollte. Sogar die Zeitschrift „Gimtasis kraštas" („Heimatland"), die als Befürworter der Umgestaltung gilt, bestritt es, daß Schüler im Internat das Recht hät­ten, am Hl. Abend die Plotkelė* zu brechen und miteinander zu essen (vergl. Nr. 23 [1108], Vilnius, 2.-8. Juni 1988).

Das Gewissen der Erzieher wird schon seit einigen Jahrzehnten genötigt, wenn sie gezwungen werden, sich an antireligiösen Tätigkeiten zu beteili­gen und das öffentlich zu verhöhnen und zu zerstören, was ihnen selber heilig ist.


3. Die allgemeine antireligiöse Einstellung

Es sind neue Vorschriften über die Tätigkeit der religiösen Gemeinschaften versprochen. Der Entwurf dieser Vorschriften sollte der Öffentlichkeit zur Beurteilung freigegeben werden. Es müßte außerdem auf alle bis jetzt gültigen prinzipiellen Neigungen verzichtet werden, alle diese Vorschriften und Verordnungen nur zu Ungunsten der Kirche auszulegen, mit dem Endziel, zuerst den Einfluß der Kirche auf die Gesellschaft einzuschränken und ihn später vollkommen zu beseitigen.

* Plotkele (die) - eine geweihte Oblate, die am Hl. Abend in Litauen als Zeichen der Verbundenheit und Liebe unter Angehörigen einer Familie oder Gemeinschaft gebrochen und gegessen wird.

Der Vorsitzende des Rates für Religionsangelegenheiten beim Ministerrat der UdSSR, Chartschew, hat vor einem Korrespondenten der Zeitschrift „Ogonjok" entschieden erklärt, daß es dem Geist der Perestroika wider­spricht, die Gläubigen als „Bürger zweiter Klasse" zu betrachten. (Gab also zu, daß es eine derartige Anschauung gegeben hat.) Die Vertreter dieses

Rates in unserer Republik befürworten jedoch bis jetzt diese ungerechten Einschränkungen: Die Gesetze erlauben religiöse Beerdigungszeremonien in Einrichtungen der Feuerbestattung (Krematorien), in Litauen sind sie in ähnlichen Einrichtungen (z.B. Aufbahrungsräumen) aber verboten. Zahl­reiche Betriebe oder Organisationen verweigern ihren Mitgliedern bei ihrer Beerdigung jegliche Hilfe, wenn diese mit religiösen Zeremonien vollzogen wird, die Vertreter des RfR schreiten aber dagegen nicht ein.

4. Die Gewissensfreiheit und die unfreiwilligen Förderer des Atheismus

Das Programm und die Satzungen der KPdSU und das Statut der VLKJS schränken durch die Verpflichtung aller Mitglieder ihrer Organisation, gegen die Religion zu kämpfen, die politischen Rechte der gläubigen Bür­ger ein, die ihnen durch die Artikel 48 und 51 der Verfassung garantiert sind, und nötigen ihr Gewissen. Wenn ein Gläubiger sich entschließt, Mit­glied der KPdSU oder VLKJS zu werden, muß er entweder seinem Gewis­sen widersprechende Verpflichtungen auf sich nehmen und sie erfüllen, oder muß er heucheln, oder er kann eben keiner dieser Organisationen angehören, die eine entscheidende Stimme bei staatlichen oder gesell­schaftlichen Angelegenheiten haben. Die neue Bestimmung, daß nur der erste Sekretär des Parteikomitees der Vorsitzende eines entsprechenden Rates der Deputierten der Werktätigen werden kann, versperrt einem Gläubigen jede Möglichkeit, diesen Posten zu übernehmen, wenn er nicht heucheln will. Es bleibt ihm also wiederum nur die Wahl, entweder gegen sein eigenes Gewissen zu handeln, oder die Diskriminierung. Die einzige legale Partei im ganzen Lande und die einzige legale Massenvereinigung sollten hinsichtlich der Religion neutral sein, damit Bürger verschiedener Überzeugungen ihnen angehören können. Solange das nicht geschieht, sollte man im Laufe der Umgestaltung den Gläubigen, die unter Druck oder durch Mißverständnisse diesen Organisationen beigetreten sind, anbieten, aus diesen Organisationen auszutreten, mit der rechtlichen und faktischen Garantie, daß dies für sie keine negativen sozialen Auswirkun­gen haben wird.

Wir bitten die Bewegung der Umgestaltung sehr, den offiziellen Instanzen und der Öffentlichkeit zu erklären, daß die gläubigen Bürger sich erst dann voll mit ganzem Herzen für die Umgestaltung und Erneuerung einsetzen können, wenn sie sich überzeugt haben, daß sie wirklich und unwider­ruflich keine „Bürger zweiter Klasse", sondern gleichberechtigte, vollwer­tige Bürger sind. Das werden wir aus den entsprechenden rechtlichen Handlungen, hauptsächlich aber aus der alltäglichen Praxis ersehen kön­nen. Einige Beispiele:

Wenn die Hauptkirche Litauens, die Kathedrale von Vilnius, den religiösen Kulten wieder zugeführt wird und wenn es erlaubt wird, neue Kirchen dort zu errichten, wo die Gläubigen sie benötigen;

wenn das Atheistische Museum aus der Kirche des Schutzpatrons Litau­ens, der St. Casimir-Kirche, ausquartiert und die Profanierung dieses kost­baren Heiligtums beendet wird;

wenn die religiösen Gemeinschaften die Rechte einer juristischen Person und die kirchlichen Zentren die Publikationsrechte bekommen;

wenn das Verbot, die Kinder und die Jugendlichen in Sachen des Glaubens zu unterrichten, aufgehoben wird;

wenn uns erlaubt wird, kirchliche Abstinenz-, Wöhltätigkeitsvereine und Bruderschaften wie auch ähnliche Verbände zu gründen und sich darin zu betätigen;

wenn die Tätigkeit des Rates für Religionsangelegenheiten so umorgani­siert wird, daß sie kein Werkzeug der Versklavung der Kirche wird;

wenn man aufhört, die Religion und die Kirche in den Schulen und in den Massenmedien systematisch herabzuwürdigen;

wenn niemand auf irgendeine Weise gezwungen wird, gegen sein eigenes Gewissen zu reden und zu handeln, und wenn die religiöse Praxis kein Hindernis für einen Aufstieg im Beruf, in der Wissenschaft und in der kulturellen Tätigkeit mehr ist.

Wir möchten, daß über diesen Aufruf auch breite Schichten der litauischen Gesellschaft unterrichtet werden.

Julija Šalkauskienė,

Künstlerin (Witwe des Prof. Šalkauskis)

Vilnius, K. Požėlos g. 20-7 Alfonsas Misevičius,

Jurist

Vilnius, Baltupio 55-40 Antane Kučinskaitė,

Sprachwissenschaftlerin

Vilnius, Lenino pr. 2-20 Vincas Rastenis,

Arzt

Vilnius, Architektų 36-24 Povilas Varnelė, Ingenieur

Vilnius, Vykinto 7-1


ERKLÄRUNGEN UND PROTESTE


An die XIX. Konferenz der KPdSU

Erklärung der Priester der Katholischen Kirche Litauens

Die Worte, die der Generalsekretär des ZK der KPdSU, M. Gorbatschow, in einer seiner Reden gesprochen hat: „Die Gläubigen sind sowjetische Menschen, arbeitende Menschen, Patrioten, und sie haben das vollkom­mene Recht, dementsprechend ihre Anschauungen zum Ausdruck zu brin­gen. Die Umgestaltung, die Demokratisierung und die Transparenz erfas­sen auch sie, und zwar vollkommen, ohne jegliche Einschränkung" („Tiesa" vom 30.4.1988), diese Worte erfreuen uns und geben uns große Hoffnun­gen. Wir empfinden die Verpflichtung, uns an jene wenden zu müssen, die die Pläne des gesellschaftlichen Lebens für die Zukunft aufstellen, und ihnen die Meinung der Gläubigen über die Ungerechtigkeiten vorzubrin­gen, die sie erlebt haben. Zu den Zeiten Stalins und der Stagnation haben viele Menschen verschiedener Berufe unseres Volkes unheimlich viel gelit­ten, darunter auch die Gläubigen und die Priester. Es ist schmerzlich, daß, obwohl jetzt auch viel von der Wiedergutmachung geredet wird, der Prozeß der Umgestaltung hinsichtlich der Religion seitens der Regierungs­organe fast nicht zu merken ist.

Deswegen bitten wir Sie:

1. Unverzüglich auch zu jetziger Zeit noch andauernde Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen, und zwar:

- Bischof Julijonas Steponavičius, der seit 1961 ohne Gerichtsbeschluß nach Žagarė verbannt ist, zu erlauben, nach Vilnius zurückzukehren und sein bischöfliches Amt ungehindert auszuüben;

- jene Menschen, die der Vergangenheit wegen ihres Kampfes für die Demokratisierung und die Verwirklichung der Prinzipien der Gleichberech­tigung inhaftiert worden sind, sofort in die Freiheit zu entlassen; es sind dies die Priester Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevičius und die Laien Viktoras Petkus, Balys Gajauskas, Petras Gražulis und andere;

- den Gläubigen die wichtigsten Heiligtümer Litauens, die Kathedrale und die St. Casimir-Kirche zu Vilnius, die ihnen zwangsweise weggenommen wurden, zurückgegeben und die Rückgabe der Kirche „Königin des Frie­dens" von Klaipėda zu beschleunigen;

- zu erlauben, die niedergebrannten Kirchen in Ryliškės, Batakiai, Gaurė, Kiaunoriai, Kaltinėnai wiederaufzubauen;

-        den Katholiken zu erlauben, Kirchen in neuen Städten und in den neuen Mikrorayons der großen Städte zu errichten.


2.        Bei den Bemühungen, die in der Verfassung der UdSSR und der LSSR unterstrichene Gleichberechtigung der Gläubigen und der Ungläubigen zu erreichen, ist es unbedingt notwendig, sie so einzurichten, daß die Katholiken sowohl juridisch als auch faktisch frei nach dem kanonischen Recht und der durch ihren Glauben festgelegten Ordnung ihr inneres Leben führen dürfen.

- Bei der Erfüllung der internationalen Verpflichtungen ist es notwendig, den gläubigen Eltern dieselben Möglichkeiten, ihre religiösen Überzeugun­gen ihren Kindern zu übermitteln, zu garantieren, wie sie die ungläubigen Eltern hinsichtlich ihrer Kinder haben; es ist notwendig zu garantieren, daß kein Bürger - kein Schüler, kein Student, kein Lehrer, kein Arbeiter, kein hoher Beamter - wegen seines Glaubensbekenntnisses oder seines öffentlichen Praktizierens verhöhnt oder erniedrigt wird;

- es muß verboten werden, daß irgendwelche Beamte der Zivilregierung jene jungen oder erwachsenen Männer terrorisieren, die Priester werden wollen, wie es auch notwendig ist, es den letzteren zu erlauben, frei, ohne jegliche Einschränkungen, in das Priesterseminar einzutreten;

- es ist notwendig dafür zu sorgen, daß jeder Gläubige an seinen großen Feiertagen von der Arbeit befreit wird.


3.        Auf dem organisatorisch-gesellschaftlichen Gebiet müssen den Gläubigen ganau dieselben Rechte eingeräumt werden, wie sie die Atheisten haben, und zwar: Es muß erlaubt werden, sich in den Bewegungen oder Vereinen der Gläubigen, die dem Fortschritt des religiösen Lebens oder der Sittlichkeit der Gesellschaft dienen (z. B. der katholischen Abstinenzbewegung oder Wohlfahrts- und Hilfs-Vereinigungen) zu betätigen.

-        Es muß den Vertretern der Katholischen Kirche erlaubt werden, zur Ver­breitung des Glaubens und zur Pflege der Moral die Massenmedien frei zu benutzen.

-        Die Gläubigen dürfen nicht gehindert werden, so viele und solche Bücher oder Zeitschriften zu drucken, wieviel und welche sie haben wollen.

Wir hoffen, daß zu dieser Zeit der Umgestaltung und der Demokratisie­rung in den Bemühungen nach allgemeiner Gerechtigkeit und Wahrheit (diese Bemühungen befürworten auch wir, die Gläubigen), das Prinzip der konstitutionellen Gleichberechtigung aller Bürger, der gläubigen wie der ungläubigen, das einzuhalten die Regierung der UdSSR sich durch die Unterzeichnung der Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Natio­nen und der Schlußakte der Vereinbarungen von Helsinki verpflichtet hat, endlich realisiert wird.

Es unterzeichneten:

Priester Leonas Kavaliauskas, Josvainiai, Rayon Kėdainiai,

Priester Jonas Boruta, Vilnius,

Priester Jonas Kastytis Matulionis, Vilnius,

Priester Dekan Juozapas Pačinskas, Telšiai,

Priester Ferdinandas Žilys, Stulgiai, Rayon Kelmė,

Priester Algirdas Pakamanis, Žarėnai-Latveliai, Rayon Šiauliai,

Priester Donatas Valiukonis, Vilnius,

Priester Dekan Dr. Petras Puzaras, Tauragė,

Priester Liudas Šarkauskas, Kretinga,

Priester Vincentas Vėlavičius, Telšiai,

Priester Juozapas Razmantas, Žalpiai, Rayon Kelmė,

Priester Petras Meilus, Eržvilkas, Rayon Jurbarkas,

Priester Vincentas Gauronskis, Viekšniai, Rayon Akmenė,

Priester Jonas Kauneckas, Skaudvilė, Rayon Tauragė,

Priester Alfonsas Bulotas, Vadžgirys, Rayon Jurbarkas,

Priester Juozapas Šlurys, Seda, Rayon Mažeikiai,

Priester Jonas Bučelis, Mažeikiai,

Priester Boleslovas Jonauskas, Šaukėnai, Rayon Kelmė,

Priester Algirdas Keina, Valkininkai, Rayon Varėna,

Priester Mykolas Petravičius, Dubičiai, Rayon Varėna,

Priester Antanas Simonaitis, Navikai, Rayon Ignalina,

Priester Vytautas Rudis, Kalesninkai, Rayon Šalčininkai,

Priester Jonas Kukta, Palūšė, Rayon Ignalina,

Priester Antanas Andriuškevičius, Druskininkai,

Priester Česlovas Taraškevičius, Rudnia, Rayon Varėna,

Priester Steponas Tunaitis, Tverečius, Rayon Ignalina,

Priester Ignas Jakutis, Ignalina,

Priester Jonas Vaitonis, Vilnius,

Priester Petras Purlys, Kabeliai, Rayon Varėna,

Priester Josifas Aškelovičius, Eišiškės, Rayon Šalčininkai,

Priester Alfonsas Petronis, Ceikiniai, Rayon Ignalina,

Priester Antanas Čeponis, Dūkštas, Rayon Ignalina,

Priester Petras Tarvydas, Rayon Šalčininkai,

Priester Albertas Ulickas, Švenčionys,

Priester Edmundas Paulionis, Daugėliškis, Rayon Ignalina,

Priester Leonas Savickas, Adutiškis, Rayon Švenčionys,

Priester Marijonas Savickas, Mielagėnai, Rayon Ignalina,

Priester Kazimieras Pukėnas, Nemenčinė, Rayon Vilnius,

Priester Vaclovas Aliulis, Vilnius,

Priester Kazimieras Vasiliauskas, Vilnius,

Priester Juozas Tunaitis, Vilnius,

Priester Stasys Markevičius, Paluknys, Rayon Trakai,

Priester Vladas Černiauskas, Marcinkonys, Rayon Varėna,

Priester Vytautas Pūkas, Butrimonys, Rayon Šalčininkai,

Priester Medardas Čeponis, Vilnius,

Priester Jordanas Slėnys, Varėna,

Priester Aušvydas Belickas, Daugėliškis, Rayon Ignalina, eine unleserliche Unterschrift.

*


An den Generalsekretär der KP der UdSSR, M. Gorbatschow Abschriften an die Bischöfe und Verwalter der Diözesen Litauens

Erklärung der Priester der Diözese Panevėžys

Während der Vorbereitung des Statutes der religiösen Gemeinschaften im Jahre 1976 wandten sich die Bischöfe und die Priester der Katholischen Kirche Litauens mit einem Schreiben an die sowjetische Regierung mit der Bitte, daß dieses Statut in Einklang mit den Cañones der Katholischen Kir­che gebracht werde. Diese Wünsche wurden leider damals nicht berück­sichtigt - das Statut wurde vorbereitet, ohne die Rechte der Gläubigen zu berücksichtigen.

Die Priester und die Gläubigen sind verpflichtet, die Cañones der Kirche einzuhalten, als Bürger des Staates müssen sie aber auch die Gesetze des Staates einhalten. Das ist jedoch unmöglich, weil die Verfassung der UdSSR zwar selbst die Gleichberechtigung aller Bürger verkündet, sie aber gleich in zwei Klassen - die Gläubigen und Ungläubigen teilt. Den Ungläu­bigen wird das Recht gegeben, atheistische Propaganda zu betreiben, den Gläubigen aber nur, die religiösen Kulthandlungen auszuüben.

Wenn man die Gleichberechtigung der Nichtgläubigen und der Gläubigen verwirklichen will, muß der Atheismus genauso vom Staat getrennt werden, wie die Kirche. Der Atheismus muß, genau wie die Religion, eine private Sache sein. Wird die Kirche ohne Unterstützung des Staates durch die Spenden der Gläubigen erhalten, so soll der Atheismus ebenfalls durch eigene Aufwendungen erhalten werden. Die Kirche ist vom Staat getrennt, es soll ihr also erlaubt werden, selbständig zu wirken. Warum drängen sich die atheistischen Regierungsbeamten in das innere Leben der Kirche, ja sogar in ihre kanonische Tätigkeit! Sie legen das Alter der Personen fest, die die Religion praktizieren dürfen, sie verlangen, daß den religiösen Gemeinschaften nicht ein Priester, sondern von der Regierung bestätigte, ja sogar von ihr vorgesehene Personen vorstehen, sie legen die Zahl der Seminaristen für das Priesterseminar fest; ohne Kontrolle und Einverständ­nis der Sicherheitsorgane dürfen keine Kandidaten in das Priesterseminar eintreten, darf keine Leitung und dürfen keine Lehrkräfte berufen werden. Ohne ihre Erlaubnis darf auch kein Priester für eine Pfarrei oder ein Bischof für ein Bistum ernannt werden. Es ist schon so weit gekommen, daß zur Zeit schon ein Viertel der Pfarreien Litauens ohne eigenen Priester und die Diözese Panevėžys ohne Bischof ist.

Die Auflage der in früheren Jahren herausgegebenen Gebetbücher und Katechismen ist so klein gewesen, daß man viele Gläubige damit nicht ver­sorgen konnte. Es ist schon die zweite Hälfte des Monats Mai, und es gibt immer noch keinen „Kalender der Katholiken", den die Priester seit dem 1. Januar 1988 schon benötigen. Von einem religiösen Buch oder sonstiger Literatur redet schon niemand mehr ernsthaft.

Der Krieg war 1945 zu Ende. In der Diözese Panevėžys wurde keine Erlaubnis erteilt, die verbrannten Kirchen wiederaufzubauen oder die benötigten neu zu errichten.

Nicht einmal die obersten Regierungsbeamten anerkennen die Gleichbe­rechtigung zwischen Gläubigen und nicht Gläubigen: In offiziellen Reden wird aufgefordert, aktiv gegen die Religion zu kämpfen, wie gegen Verbre­cher, und die atheistische Propaganda zu stärken! Unter den derzeitigen Bedingungen darf man nicht einmal denken, daß jemand von der Regie­rung zu Gunsten der Gläubigen sprechen würde. Wenn es offiziell auch verneint wird, werden die gläubigen Schüler und Beamten praktisch dis­kriminiert.


Deswegen bitten wir:

  1. Bei der Vorbereitung des neuen Statuts der religiösen Gemeinschaften die wahre Gewissensfreiheit unter Berücksichtigung der Gläubigen zu garantieren. Bei der Beratung des Statuts sollten auch die Vertreter der Bischöfe Litauens beteiligt sein.
  2. Zur Entwicklung eines erfolgreichen Kampfes gegen die verschiedenen Übel der Gesellschaft der Kirche das Recht zu geben, die entsprechenden Mittel in Anspruch zu nehmen, wie Presse, Rundfunk, Fernsehen, die Tätigkeit der Antialkoholismus- und der Wohlfahrts-Vereine zu erlauben, die Priester beim Besuch ihrer Pfarrkinder nicht zu behindern, den Gläubi­gen für die religiösen und geistigen Belange Verkehrsmittel zu vermieten.
  3. Die Vorbereitung der Kinder zu den hl. Sakramenten nicht zu behin­dern, zu erlauben, die Kinder und Jugendlichen in Religion zu unterrichten (so wie es z. B. in den sozialistischen Ländern Ungarn, Polen und and. ist).
  4. Die Katholiken nicht zu hindern, ihre obligatorischen religiösen Feste zu feiern.
  5. Der religiösen Gemeinschaft der Pfarrei das Recht der juristischen Person zuzuerkennen.
  6. Die Vorsteher der religiösen Gemeinschaften (Vorsitzenden des Pfarrko­mitees) müssen die Priester und nicht Laien sein, denn das verlangen die geistlichen Aufgaben der Kirche und die Cañones des Kirchenrechts. (Auch Sanitäter und Krankenwagenfahrer können keine Leiter eines Kran­kenhauses sein.)
  7. Die Obrigkeit der Kriche bei der Wahl der geeigneten Kandidaten für das Priesteramt, bei der Berufung der Leitung und des Lehrkörpers für das Priesterseminar, bei der Ernennung der Priester für die Pfarreien wie auch der Kandidaten für das Bischofsamt für die Diözesen nicht zu behindern.
  8. Die Prozessionen zum Friedhof zur Ehrung der Verstorbenen am Aller­seelentag nicht zu behindern.

Es kann keine Gewissensfreiheit geben, solange der Atheismus nach staat­lichem Maß mit allen Mitteln unterstützt, die Gläubigen aber diskriminiert werden.

1.

Priester

Petras Adomonis

16.

Priester

Kazimieras Baronas

2.

Priester

Bronius Antanaitis

17.

Priester

Henrikas Bernatovičius

3.

Priester

Juozapas Antanavičius

18.

Priester

Vladas Braukyla

4.

Priester

Boleslovas Babrauskas

19.

Priester

Adolfas Breivė

5.

Priester

Jonas Bagdonas

20.

Priester

Petras Budriūnas

6.

Priester

Juozas Bagdonas

21.

Priester

Feliksas Čiškauskas

7.

Priester

Bronius Balaiša

22.

Priester

Povilas Čiučkis

8.

Priester

Antanas Balaišis

23.

Priester

Algirdas Dauknys

9.

Priester

Vytautas Balašauskas

24.

Priester

Saulius Filipavičius

10.

Priester

Jonas Balčiūnas

25.

Priester

Steponas Galvydis

11.

Priester

Juozas Balčiūnas

26.

Priester

Juozas Garška

12.

Priester

Jurgis Balickaitis

27.

Priester

Juozas Giedraitis

13.

Priester

Kostas Balsys

28.

Priester

Antanas Gobis

14.

Priester

Petras Baltuška

29.

Priester

Kazimieras Girnius

15.

Priester

Petras Baniulis

30.

Priester

Alfonsas Gražys


Es unterschrieben:

Am 23. Mai 1988.

31.

Priester

Antanas Gružauskas

73. Priester

Vladas Rabašauskas

32.

Priester

Klemensas Gutauskas

74. Priester

Antanas Rameikis

33.

Priester

Gaudentas I karnas

75. Priester

Jonas Rimša

34.

Priester

Vincentas Inkratas

76. Priester

Edmundas Rinkevičius

35.

Priester

Tadas Ivanovskis

77.

Priester

Pranas Sabaliauskas

36.

Priester

Alfonsas Jančys

78.

Priester

Raimundas Saprigonas

37.

Priester

Povilas Jankevičius

79.

Priester

Aurelijus Simonaitis

38.

Priester

Juozas Janulis

80.

Priester

Bronius Simsonas

39.

Priester

Vytautas Jasiūnas

81.

Priester

Leonardas Skardinskas

40.

Priester

Jonas Jatulis

82.

Priester

Eugenijus Staleronka

41.

Priester

Povilas Juozėnas

83.

Priester

Vincentas Stankevičius

42.

Priester

Jonas Jurgaitis

84.

Priester

Sigitas Stepšys

43.

Priester

Antanas Juška

85.

Priester

Mykolas Stonys

44.

Priester

Alfonsas Kadžius

86.

Priester

Bronius Strazdas

45.

Priester

Antanas Kairys

87.

Priester

Alfonsas Strielčiūnas

46.

Priester

Vytautas Kapočius

88.

Priester

Povilas Svirskis

47.

Priester

Stasys Kazėnas

89.

Priester

Ignas Šiaučiūnas

48.

Priester

Petras Kiela

90.

Priester

Bronius Šlapelis

49.

Priester

Antanas Kietis

91.

Priester

Povilas Šliauteris

50.

Priester

Anicetas Kisielius

92.

Priester

Gediminas Šukys

51.

Priester

Povilas Klezys

93.

Priester

Juozas Šumskis

52.

Priester

Vladas Kremenskas

94.

Priester

Albertas Talačka

53.

Priester

Stanislovas Krumpliauskas

95.

Priester

Leonardas Tamošauskas

54.

Priester

Petras Kuzmickas

96.

Priester

Pranas Tamulionis

55.

Priester

Jonas Labakojis

97.

Priester

Stasys Tamulionis

56.

Priester

Petras Liubonas

98.

Priester

Petras Tarulis

57.

Priester

Juozas Lukšas

99.

Priester

Petras Tijušas

58.

Priester

Leonas Lukšas

100.

Priester

Vytautas Tvarijonas

59.

Priester

Aleksandras Masys

101.

Priester

Benediktas Urbonas

60.

Priester

Vytautas Masys

102.

Priester

Sigitas Uždavinys

61.

Priester

Algirdas Miškinis

103.

Priester

Antanas Valančiūnas

62.

Priester

Povilas Miškinis

104.

Priester

Antanas Valantinas

63.

Priester

Antanas Mitrikas

105.

Priester

Juozas Varnas

64.

Priester

Kazimieras Mozūras

106.

Priester

Povilas Varžinskas

65.

Priester

Jonas Nagulevičius

107.

Priester

Antanas Vaškevičius

66.

Priester

Lionginas Neniškis

108.

Priester

Virginius Veilentas

67.

Priester

Petras Nykštus

109.

Priester

Stasys Zubavičius

68.

Priester

Albinas Paltanavičius

110.

Priester

Antanas Zulonas

69.

Priester

Algimantas Petkūnas

111.

Priester

Bronius Žilinskas

70.

Priester

Albinas Pipiras

112.

Priester

Stasys Stanikūnas

71.

Priester

Jonas Pranevičius

113.

Priester

Leonas Linda

72.

Priester

Robertas Pukenis




An den Ersten Sekretär des ZK der KPL, Šepetys

Erklärung

der Priester der Diözese Telšiai und der Prälatur Klaipėda

Das Herz der Stadt Vilnius ist das Territorium seiner Burgen, der gesamte Komplex aus Hügeln und Tälern wie auch Einrichtungen, dessen vielsei­tige Bedeutung man erst nur zu erahnen beginnt.

Ein wichtiges Element der Gesamtheit dieses Feldes ist der Plikasis, der Drei-Kreuze-Berg. Die Tradition der Kreuzskulpturen auf diesem Gipfel geht schon fast vier Jahrhunderte zurück. Die im Jahre 1613 errichteten und im Jahre 1740 erneuerten Kreuze standen hier bis 1869, bis sie vollkommen zerfielen. Die Regierung des Zaren erlaubte jedoch nicht, sie wieder zu errichten. Das wurde erst in den grausamen Jahren des Krieges 1918 getan. Den Entwurf für dieses Denkmal fertigte der adelige Architekt Niederlitauens, Antanas Vivulskis, an. Für die Verwirklichung dieses Ent­wurfs, für die Wiedererrichtung der Drei Kreuze also, sorgten Bürger aller Nationalitäten der Stadt Vilnius. Die Drei Kreuze erinnerten die Bürger der Stadt Vilnius an den Anfang des Christentums in dieser Stadt und spendeten ihnen das Gefühl des Friedens und der Geborgenheit. In einer Nacht des Jahres 1960 wurde dieses Denkmal der Drei Kreuze aus Eisenbe­ton leider gesprengt. Damals verlor die Stadt Vilnius auch sakrale Skulptu­ren, wie die Heiligenstatuen über der Fassade der Kathedrale von T. Riggi oder die Skulpturen über der Fassade der Evangelischen Kirche von Prof. K. Jelinskis und andere.

Wir fordern Sie auf, auf dem noch übriggebliebenen Fundament die von A. Vivulskis entworfene Skulptur der Drei Kreuze wiederzuerrichten, damit die langjährige Tradition aufrechterhalten und der Berg nicht im vollen Sinne des Wortes der Kahle Berg bleibt.

Am 5. August 1988.

Es unterschrieben:

Priester V. Vėlavičius, Telšiai Priester J. Šiurys, Telšiai Priester A. Arnašius, Kuršėnai Priester B. Jonauskas, Šaukėnai Priester A. Svarinskas, Viduklė Priester J. Gedvila, Mažeikiai Priester B. Talaišis, Kretinga Priester J. Tamašauskas, Darbėnai Priester J. Pačinskas, Plungė Priester J. Paulauskas, Gargždai

Priester D. Skirmantas, Laukžemė Priester M. Šulcas, Klaipėda Priester V. Juškys, Alsėdžiai Priester J. Šukys, Telšiai Priester A. Putramentas, Skuodas Priester A. Genutis, Seda Priester V. Gauronskis, Viekšniai Priester T. Poška, Telšiai Priester A. Gylys, Židikiai Priester J. Petrauskas, Varniai Priester Br. Burneikis, Klaipėda Priester J. Miklovas, Palanga Priester V. Šievas, Žygaičiai Priester A. Pudžemys, Mosėdis Priester A. Striukis, Akmenė Priester Br. Latauskas, Rietavas Priester Br. Bagužas, Salantai Priester J. Pakalniškis, Laukuva Priester J. Razmantas, Žalpiai Priester K. Žukas, Viekšnaliai Priester A. Šeškevičius, Gargždai Priester J. Boruta, Vilnius Priester V. Mikutavičius, Telšiai Priester V. Matekaitis, Vėžaičiai Priester K. Rūmkus, Nemakščiai Priester K. Velioniškis, Tveriai Priester L. Dambrauskas, Ž. Kalvarija Priester K. Jadviršis, Akmenė Priester L. Veselis, Gargždai Priester A. Ričkus, Plateliai Priester P. Palšis, Skuodas Priester P. Puzaras, Tauragė Priester A. Pranckaitis, Eigirdžiai Priester A. Budvius, Telšiai Priester J. Bučelis, Mažeikiai Priester N. Sobkovskis, Telšiai

Ein offener Brief an den Staatsanwalt der LSSR, Liudas Sabutis, die Bewegung zur Umgestaltung und die Redaktion der Zeitung „Komjaunimo Tiesa".

Vilnius. Obwohl es erst acht Uhr morgens ist, stehen die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes und die Verantwortlichen für öffentliche Ord­nung schon vollkommen dienstbereit.

Auch am 3. Mai 1983 war in aller Frühe das ganze Territorium um den Gerichtspalast in Vilnius bis zum Lenin-Prospekt schon unter der Aufsicht der wachsamen Verteidiger der Interessen des Staates und der Mitarbeiter der Rechtsordnung. Auch alle Nebenstraßen und Gäßchen, die zum Gerichtspalast führen, waren vollkommen blockiert. Die Beamten waren bereit, in vollem Ernst gegen alle anzutreten, die versuchen würden, Inter­esse an dem gegen Priester Alfonsas Svarinskas erhobenen Strafprozeß zu zeigen, bei dessen Verlauf noch ein weiterer Priester - Sigitas Tamkevičius -festgenommen wurde.

Gegen 9 Uhr wurde erst klar, daß diese Sicherheitsmaßnahmen nicht umsonst waren: Einige Hundert Gläubige versuchten wahrhaftig, „bedroh­lich" sich dem Gerichtspalast zu nähern. Die Beamten legten sich ernsthaft ins Zeug, mischten sich sofort gleich hier auf der Straße in eine Menschen­menge, packten die „Verbrecher", bevor sie noch ihren Mund aufreißen konnten, einen nach dem anderen unter den Armen, schleppten sie zur Milizabteilung, klagten sie auch an und verurteilten sie wegen unmöglich­ster Sachen zu tagelangem Arrest oder zu Geldstrafen. Es hat sich gezeigt, daß zwei ganz ordentlich gekleidete Mädchen gegen Milizbeamte mit Gewalt vorgegangen sind, oder daß ein gläubiger Jüngling, der überhaupt kein Wort gesagt hat, 10 Tage Arrest bekam, weil er „fluchte", oder zwei Mädchen deswegen in den Arrest gebracht wurden, weil sie vor dem Gerichtspalast wagten, direkt vor der Nase der Beamten, mit Schuhen Schwarzhandel zu treiben, von denen sie nicht mehr und nicht weniger als jede je einen an einem Fuß hatten.

Alle Versammelten festzunehmen, schafften auch die eifrigsten Ordnungs­hüter nicht. Sie haschten die anderen, pferchten sie in bereitstehende Autos hinein und brachten sie in die Wälder hinaus. Nein, nein. Erschos­sen haben sie sie nicht. Damals erschoß man die Leute im Wald nicht. Man brachte sie 30 bis 50 km von Vilnius weg und ließ sie aus den tiefen Wäldern von Nemenčinė und Dubingiai einzeln oder zu zweit zu Fuß zurückgehen.

Diese hier beschriebene Episode ist keine aus Stalins Zeiten. Das ist die breschnewsche Epoche, die von jemandem aufklärend Stagnation genannt worden ist. Wenn auch sehr langsam, so verschwindet jetzt diese Stagna­tion allmählich aus allen Lebensbereichen. Ach ja, sie verschwindet, umgeht aber aus irgendeinem Grunde die Gläubigen, denn wie sollte man die Tatsache anders nennen, daß man es sogar zu diesen Zeiten der Offen­heit nicht für nötig hält, auf schriftliche Proteste, die Zehntausende von Gläubigen unterzeichnet haben, eine Antwort zu geben. Der Rundfunk, das Fernsehen und die Presse behaupten zwar genau wie früher, daß der Glaube frei sei, daß die Rechte der Gläubigen nicht eingeschränkt seien, man versucht aber nicht einmal, die konkreten, zwischen den Gläubigen und dem Staat entstandenen Probleme zu klären. Nach wie vor werden jeden Tag die schablonenhaften Sprüche geklopft, die einem schon zum Halse heraushängen - „Alles bessert sich", „sie werden freundlicher", „es normalisiert sich", wie wenn überhaupt nichts gewesen wäre. Inwiefern „bessert" sich etwas, wird jemand „freundlicher" oder „normalisiert" sich die Lage, wenn der Alltag das Gegenteil zeigt?! Es stimmt, man verspricht die Kirche der „Königin des Friedens" von Klaipėda den Gläubigen zurückzugeben, wurden aber diejenigen der Öffentlichkeit vorgestellt, die sie widerrechtlich enteignet haben? Wurde die Tatsache veröffentlicht, wie „Hexenjagd" auf die Unterschriftensammler geführt wurde? Wie die Blätter mit Unterschriften den Gläubigen aus den Händen gerissen und an Ort und Stelle vernichtet wurden? Wo sind noch alle die Überprüfungen der zuständigen Behörden, wer unterschrieb, warum, unterschrieb er wirklich, oder nicht, usw., usw.? Und das alles geschah noch nicht vor langer Zeit, gestern noch, man könnte fast sagen erst heute.

Es ist unmöglich, alle diese Ungerechtigkeiten auf einmal aufzutischen - es gibt viel zu viel. Wir wollen nur eine herausnehmen, die als Thema der Nachkriegszeiten, wie der Schriftsteller R. Gudaitis sagt, direkt ins Herz Litauens, in diesem Falle ins Herz der Gläubigen traf. Es ist die Festnahme jener Priester, die die Gläubigen verteidigt haben - Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevičius, und ihre Einkerkerung. Sie haben aber nicht irgendwelche angemaßten Rechte verteidigt, sondern das durch Artikel 50 der Verfassung der LSSR garantierte Recht, frei den gewählten Glauben zu bekennen.

Etwas Umfassendes über Priester A. Svarinskas zu sagen ist auch heute noch schwer, überhaupt für uns, die Gläubigen der Pfarrei Kybartai. Er ist einfach zu früh geboren. In den Nachkriegsjahren hat ihm der stalinistische „Säuberungsmechanismus" der Völker das Aufklebeschild „Bandit" auf­geklebt und ihn in ein Gefängnis nach Sibirien geschickt, dorthin, wohin der größte Teil der gebildeten Menschen in jenen Zeiten geschickt wurde. Das Gericht hat während des Prozesses dieses Aufklebeschild nur noch verschönert, es machte einen „Banditen und Antisowjetler" daraus... Übri­gens, weder wir noch der größte Teil der anderen Bürger, die Priester

A. Svarinskas ein bißchen kennen, glauben dieser Geschichte. Es gelang auch nicht, mit dem Dokumentarfilm „Wer sind Sie, Priester Svarinskas?" die Leute von der Geschichte zu überzeugen.

„Banditen" zu verteidigen versuchen, auch solche, die niemals eine Waffe in der Hand hatten, ist auf jeden Fall noch viel zu früh. Wir wollen gedul­dig abwarten, bis die Geschichte auf alle „i" ihre Punkte aufgesetzt hat, oder wie es heutzutage die Mode ist zu sagen, die „weißen Flecken" der Geschichte endlich ausgefüllt sind.

Wir wollen uns über Priester Sigitas Tamkevičius unterhalten. Er ist uns persönlich bekannt. In den Nachkriegszeiten „besuchte er noch die Mittel­schule in Seirijai" - so schreibt die Journalistin Stase Mockuvienė über ihn in dem schockierenden Artikel „In einer Hand den Rosenkranz, in der anderen einen Prügel" (vergl. „Tiesa" vom 2.12.1983). Man kann doch einen Heranwachsenden noch nicht einen Banditen nennen. Und was war eigentlich der Prügel, mit dem Priester S. Tamkevičius so eifrig ans Werk ging?

In erster Linie war es das Wort der Wahrheit von der Kanzel, das vor Gericht von den Beamten und verantwortlichen Funktionären einstimmig als „antisowjetische Propaganda und Agitation", „Verleumdung des sowjeti­schen Lebens" angesehen wurde. Wie sollen denn wir, die Gläubigen, see­lenruhig zuschauen, wo die heutigen Zeitschriften und Journale mit noch schärferer Kritik vollgestopft sind, wo politische Fehler ganzer Jahrzehnte genannt werden, die das Volk bis zur Stagnation gebracht haben, wo die Übel nacheinander herausgehoben werden, ihre Verursacher aber, anstatt als Gegner, als Befürworter der Umgestaltung, als aktive Unterstützer dem Volke vorgestellt werden?! Wo bleibt hier die Logik?!

Heute freuen wir uns darüber, daß die Regierung keine Bemühungen scheut, damit die Nüchternheit im Leben sich verbreitet. Der Kampf gegen Alkohol und gegen die Schnapsbrenner ist so scharf geworden, daß er sogar bis zu „Zuteilungskarten" für Zucker geführt hat. Wer hat aber als erster diesen Kampf gegen Alkoholismus begonnen? Die ersten Rufer zu einer nüchternen Lebensweise waren die Priester, darunter vor allem die Priester Alfonsas Svarinskas, Sigitas Tamkevičius und der verstorbene Prie­ster Juozas Zdebskis und viele andere. Sie waren die ersten, die den vom Alkohol angerichteten Schaden an Personen, Familien und am Volke erkannt haben. Sie forderten mutig von der Kanzel herab alle auf, die Lebensweise zu ändern, sie haben die Abstinenzbewegung ins Leben geru­fen, sie haben den Regierungsapparat kritisiert, der viel zu leichtsinnig die alkoholischen Getränke hergestellt und verkauft hatte.

Ja, die Herstellung der alkoholischen Getränke wurde verringert, der Ver­kauf eingeschränkt und... dabei „vergaß" man, das „Anti" dem herunter­zunehmen, der, ohne auf einen günstigen Moment zu warten, als erster den Kampf gegen das Übel aufnahm.

Priester Sigitas Tamkevičius forderte von der Kanzel aus auf, auf die Fami­lien zu achten, nach ihrer Beständigkeit zu streben, in besonders scharfer Form griff er die Abtreibungen, als den Menschen demoralisierende Erscheinung an. „Wenn es keine beständigen Familien mehr geben wird, wenn die Familie weniger als zwei Kinder großziehen wird, werden wir uns selber auslöschen...", sind die Worte des Priesters S. Tamkevičius. Und wenn es auch sonderbar erscheinen könnte, dieser Gedanke wird in der heutigen Presse beinahe Wort für Wort wieder herausgestellt.

Auch in Nationalfragen blieb Priester S. Tamkevičius nicht gleichgültig. Er hat sich öffentlich von der Kanzel herab gegen die Einführung der russi­schen Sprache in Kindergärten ausgesprochen. Er sagte, daß der Litauer in Litauen in seiner litauischen Muttersprache sprechen darf und muß, und auch das, daß es unsere, der Litauer, eigene Schuld ist, wenn die Menschen aus anderen Republiken, die seit langen Jahren bei uns leben, noch nicht litauisch sprechen können.

Hier aber ein Zitat aus einer Resolution der XIX. Unionskonferenz des ZK der KPdSU über die Frage der Nationalitäten und ihre Beziehungen: „Ein sehr wichtiges Prinzip unseres multinationalen Staates ist der, daß alle Bür­ger der UdSSR frei ihre Muttersprache entwickeln und sie gleichberechtigt benutzen dürfen. (...) Man soll dazu ermutigen, daß die Bürger anderer Nationalitäten, die auf dem Territorium einer anderen Nationalität leben, die Sprache des Volkes erlernen, dessen Namen die Republik trägt (...)."

Ist es nicht sonderbar, daß die Gedanken der Resolution und die des Prie­sters S. Tamkevičius dieselben, die Schicksale der Urheber dieser Ideen, leider, nicht dieselben sind...

Als Priester konnte Priester Sigitas Tamkevičius noch einer anderen negati­ven Erscheinung unserer Gesellschaft gegenüber nicht gleichgültig bleiben - der Verfolgung und dem Terror gegenüber Kindern, Jugendlichen wie auch Erwachsenen wegen ihrer religiösen Überzeugungen. Er hat öffentlich von der Kanzel aus die verdrehte atheistische Erziehungsarbeit an den Schulen kritisiert, brachte Tatsachen an die Öffentlichkeit, wenn z.B. die Lehrer ihre gläubigen Schüler zwangen, den atheistischen Organisationen beizutreten, oder wenn sie sie nötigten, entgegen ihren eigenen Überzeu­gungen zu reden oder zu schreiben und sie verspottet haben. Daß der Priester S. Tamkevičius die Wahrheit gesprochen hat, ist uns allen klar. Wir und unsere Kinder haben das am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

Das jämmerlichste ist aber, daß auch heute noch die Lage in dieser Bezie­hung sich nur wenig geändert hat, worüber auch die Atheisten selber, wenn auch noch nicht laut, schon reden: „Die ,Sitten' der Vergangenheit sind immer noch lebendig, als das Spotten über den Gläubigen beinahe zum guten Ton gehörte. Auch die konstitutionelle Gewissensfreiheit blieb, leider, nur auf dem Papier", - schreibt Andrius Užkalnis („Moksleivis" -„Der Schüler", Nr. 1, Januar 1988).

Oder der Beobachter der sowjetischen Nachrichtenagentur APN, A. Igna-tiew schreibt: „Ich bin gerade aus der Gegend von Rostow in der Kasachi­schen SSR aus der Ortschaft Kamenalom zurückgekommen, wo ich zwei Seiten eines gewöhnlichen Konflikts angehört habe. Tatjana Duriagina beklagte sich beim Redakteur der von APN herausgegebenen Veröffent­lichung „Religija SSSR", daß sie in das Exekutivkomitee vorgeladen wor­den ist, wo ihr eine öffentliche Verwarnung angedroht wurde, weil ihre Kinder die Kirche nicht gemeinsam mit ihr besuchen, wie es sich gehört, sondern mit der Großmutter oder ganz allein. Die Lehrer hätten daraufhin zu diskutieren begonnen, warum die Kinder an Gott glauben, ob es einen Gott gibt und wer ihn gesehen hat." („Vakarinės naujienos" - „Abendnach­richten", 30.3.1988).

Und siehe da, den Priester S. Tamkevičius beschuldigte das Gericht wegen der Nennung solcher Tatsachen in der Öffentlichkeit der „Verleumdung der Politik unseres Staates hinsichtlich der Kirche und der Gläubigen". Man behauptete sogar, daß dies „auf Grund der Aussagen von Zeugen" belegt worden sei. Wer waren denn diese Zeugen? Die Gläubigen? Oder die Schüler, die die religiöse Diskriminierung erfahren haben? Oh nein. Wenn es auch sonderbar erscheinen mag - es waren die Pädagogen. Ja, dieselben Pädagogen, die selber den Artikel 50 der Verfassung der SSR Litauen dau­ernd verletzten. Sie haben unsere Kinder verspottet, sie erniedrigt, und sie haben auch ausgesagt, daß sie „verleumdet" wurden. Und dem Gericht waren solche „Zeugen" die geeigneten.

Die Untersuchungsbeamten des Sicherheitsdienstes fanden es nicht für nötig, die etwa 200 vernommenen Gläubigen in das Untersuchungsproto­koll einzutragen und Fakten des religiösen Terrors gegen unsere Kinder vor Gericht anzuwenden. Auch keine begründete Aussage zur Verteidigung unseres Pfarrers Sigitas Tamkevičius wurde verwendet!

Und noch etwas: Die wahrscheinlich wichtigste Anschuldigung war, daß Priester S. Tamkevičius dem Komitee der Katholiken zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen angehört und aktiv an seinen Tätigkeiten teilgenom­men hat. Das Komitee veröffentlichte oft seine Dokumente im Ausland und eine die Gläubigen verteidigende Erklärung war sogar an die UNESCO adressiert.

Man wird, leider, auch zu dieser Zeit der Offenheit, wo allseitig Verbindun­gen zu ausländischen Staaten erweitert werden, kaum jemanden noch mit dieser Angelegenheit verwundern können. Der Begriff der Offenheit schließt nur die Veröffentlichungen der militärischen und staatlichen Geheimnisse aus. Dies ist aber weiß Gott kein militärisches Geheimnis... Und schließlich, an wen sollte man sich wenden, wenn die sowjetischen Behörden auf Erklärungen und Proteste nur mit neuen Repressalien antworten?!

Während des Gerichtsprozesses wurde festgestellt, daß „Priester S. Tamke­vičius gewußt hat, daß er sich möglicherweise vor dem Gesetz verantwor­ten muß". Ja er wußte es. Und trotzdem stand er nicht auf der Seite der eigenen Interessen, sondern auf der Seite der Wahrheit! Und deswegen: „Das Oberste Gericht der SSR Litauen hat nach der Überprüfung des Pro­zeßmaterials und nach der Vernehmung der Zeugen S. Tamkevičius gemäß §68. Teil 1 (antisowjetische Agitation und Propaganda) für schuldig be­funden und ihn zu 6 Jahren Freiheitsentzug und zusätzlich zu 4 Jahren Verbannung verurteilt".

Oh nein. Jetzt sind nicht Stalins Zeiten. Auch in Wäldern von Dubingiai und Nemenčinė ist niemand von uns durch Erschießen hingerichtet worden...

So wurde Priester S. Tamkevičius wie auch Priester A. Svarinskas in einem Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit verurteilt, genau so, wie es zur Zeit Stalins gemacht wurde. In einem verschlossenen, nur mit Zeugen und Vertrauten des Sicherheitsdienstes (ausgenommen die Familienmitglieder) besetzten Saal fand dieser „öffentliche" Gerichtsprozeß statt.

Ungeachtet dessen, daß die Sicherheitsbeamten bei der Befragung von bei­nahe 200 Gläubigen unerlaubte Methoden der Vernehmung (wie Suggestiv­fragen, Drohungen, Vernehmung der Kinder in Abwesenheit ihrer Eltern) angewendet hatten, und sogar ungeachtet dessen, daß sie unter den Zeu­gen keine fanden, die gegen diese Priester ausgesagt hätten, haben sie sie trotzdem verurteilt. Und nicht zu einem Jahr, nicht zu zwei, sondern zu einem Jahrzehnt.

Das wundert uns überhaupt nicht mehr, und wir finden das nicht sonder­bar. Wir, die Gläubigen, sind schon so etwas gewöhnt, wir können uns mit dieser Lage aber nicht abfinden. Deswegen bitten wir Sie, uns zu erklären, wie man das alles mit der Offenheit und der Demokratisierung vereinbaren kann?! Wann wird die sozialistische Gerechtigkeit auch dem Gläubigen und dem Priester zuteil?

Ein Zusatz für die Redaktion der „Komjaunimo Tiesa". Wir wenden uns an Ihre Zeitschrift, weil sie am weitesten auf dem Weg der Demokratisierung und der Offenheit fortgeschritten ist. Wir hoffen, daß sich darin auch Platz finden wird, um die Probleme der Gläubigen zu diskutieren. Im Falle der Veröffentlichung bitten wir, diesen Text nicht zu kürzen - wir sind die Auszüge satt.

Am 12.7.1988.

Es unterzeichneten die Bürger der Stadt Kybartai:


1.

Kostas Abraitis

19.

Ona Langaitienė

2.

Rimantas Baltrušaitis

20.

Matilda Mališkienė

3.

Marija Baltrušaitienė

21.

Bernadeta Mališkienė

4.

Benius Baltrušaitis

22.

Kęstutis Mačiulaitis

5.

Alfonsas Bilickas

23.

Anastazija Mačiulaitenė

6.

Juozas Bindokas

24.

Lina Mačiulaitytė

7.

Teresė Bruožienė

25.

Eugenija Menčinskienė

8.

Birutė Briliūtė

26.

Vytas Norkus

9.

Ona Dailidavičiūtė

27.

Stanislava Norkienė

10.

Gintas Dobiliauskas

28.

Jeronimas Samuolis

11.

Elena Dobiliauskienė

29.

Salomėja Samuolienė

12.

Ona Grigalevičienė

30.

Ona Šarkauskaitė

13.

Romas Griškaitis

31.

Teresė Šioraitienė

14.

Ona Griškaitienė

32.

Dalia Verbylaitė

15.

Evaldas Jūras

33.

Romas Žemaitis

16.

Ona Jasaitienė

34.

Arvydas Žemaitis

17.

Ona Kavaliauskaitė

35.

Petras Žemaitis

18.

Aušra Karaliūtė

36.

Edmundas Žemaitis



UNSERE GEFANGENEN

Aus den Briefen des Priesters Sigitas Tamkevičius :

»Ich wurde aus Staro-Sainakowo nach Kriwoscheino verlegt, lebe am Ufer des Flusses Ob. Die Briefträgertasche habe ich nur zwei Tage getragen, nachher wurde sie mir abgenommen. Der Postvorsteher erklärte mir, daß es nicht rechtens sei, wenn ich an einer Kontaktstelle arbeite. Noch am selben Tag fand ich eine Arbeit in einer Sportartikelfabrik. Dort werden Eisstöcke gefertigt, und ich muß die Stiele hobeln. Lärm und Staub könnte es weniger geben - die Augen, Ohren und die Lunge sind voll davon. Sie dürfen selbstverständlich nicht denken, daß das eine unerträgliche Last ist. Die Menschen arbeiten hier jahrelang und es passiert ihnen nichts. Außer­dem habe ich fünf Jahre lang an einer Werkbank gearbeitet, dort gab es ebenfalls Staub und alles Unvorstellbare. Und Gott sei es gedankt, daß ich nicht vergesse zu beten, nicht verlernt habe zu lachen und auch nicht ver­gessen habe, daß mich sehr viele gute Menschen unterstützen, denen ich für ihre Gebete und ihre moralische Stärkung so viel schulde. Die Arbeit selbst ist nicht schwer, aber man muß von 9 Uhr morgens bis 18 Uhr abends an der Hobelbank auf den Beinen stehen. Im Lager war die Arbeit an der Werkbank etwas bequemer, auch beten konnte man viel leichter, hier aber kann man nur während der „Zigarettenpause" Rosenkranz oder sonst etwas beten. Dafür werde ich aber die Samstage und Sonntage frei haben, im Lager haben wir nur die Sonntage frei gehabt. Ich danke Gott für alles, denn Er gibt mir alles zur Genüge, was ich brauche: Gesundheit, Kraft, Zeit und alles andere, wir dürfen nur die vom Allmächtigen geschenkten Talente nicht in der Erde vergraben. (...)

Wenn man Jahr für Jahr nur Fremde um sich sieht, Leute, denen dein Schicksal gleichgültig ist, ja sogar feindliche Gesichter, dann wird man gei­stig hungrig. Unser, der Gläubigen, Glück ist es, daß wir mit der unsichtba­ren Welt geistig zu verkehren gelernt haben, und auch das Glück, daß man weiß, daß jemand für uns betet und uns moralisch stärkt. Ich habe dies auch damals gewußt, als meine Briefe haufenweise konfisziert wurden, und auch dann, als sie spurlos verschwanden.

Und es geschieht so: Der Zensor kommt ins Lager und beginnt die Namen von denen vorzulesen, die dir geschrieben haben, die dir gratuliert, dir Gutes gewünscht, dich gestärkt haben, ihre Briefe wirst du aber niemals sehen und niemals lesen dürfen. Er liest dir die Namen einen nach dem anderen vor, zehn, fünfzehn, oder sogar zwanzig... und er beobachtet dich, wie du darauf reagierst... Ich sagte nur danke und entfernte mich. Wieviele Briefe hat es aber gegeben, die überhaupt nicht erwähnt wurden, wie wenn sie überhaupt nicht geschrieben worden wären?! Das ist das Schicksal eines Gefangenen. Damals wollte man mich sichtlich zu der Überzeugung bringen, daß ich von niemandem mehr benötigt werde, ich kam aber nicht einmal in Versuchung, so zu denken, denn das Volk Gottes betete für mich. Jetzt schreiben mir viele. Ich danke allen. Ich bekomme Briefe aus Deutschland, England. Man möchte gerne allen wenigstens ein Wort schreiben.

Jesus Christus hat während seiner Versuchung einen bedeutungsvollen Gedanken gesagt: Damit der Mensch leben kann, benötigt er Brot und das Wort Gottes. Wenn ihm diese Sachen fehlen sollten, wird der Mensch nicht leben - er wird nur vegetieren. Das Wort Gottes erreicht mich oft durch Menschen, wenn sie für mich beten, damit ich aushalte, wenn sie mir schreiben, wenn sie nur in ihren Herzen mir Erfolg wünschen. Deswegen fühle ich mich glücklich und danke allen, allen für ihre Gebete und für die

Stärkung durch ihre Briefe. Es stimmt, solange ich im Lager war, sind viele von den Briefen im Abfallkorb der Zensoren verschwunden, für sie gilt mein besonderer Dank.«

Im Juli und August 1988.

Priester Sigitas Tamkevičius' Adresse:

Index 636300 Tomskaja obl. Kriwoseino Pionierskaja - 3.

Petras Gražulis schreibt an den Staatsanwalt der SSR Litauen:

»Ich möchte Ihnen, Staatsanwalt, kurz beschreiben, unter welchen Bedin­gungen die Gefangenen in der Zone OČ 12/8 des Lagers Pravieniškiai leben.

Als ich zum ersten Mal in den Speiseraum unserer Zone geführt wurde, war ich bestürzt über die unvorstellbare Unordnung und Armut, die dort herrschen. Die Türen, Fenster und Wände des Speiseraumes sind schon seit langer Zeit nicht gestrichen worden, die Farben bröckeln ab, alles ist dreckig und der Zustand der Tische und Bänke ist genau so. Der Raum ist voll von verendeten Ratten, der Geruch unerträglich schlecht. Die Suppe ist schwarz, riecht wie Spülwasser.

Mit dem für die Gefangenen vorgesehenen Tee wird hier Schwarzhandel getrieben: Es wird sechs mal mehr dafür verlangt, als der Preis im Laden ist. Aus diesem Grund bekommen die Verurteilten überhaupt keinen Tee. Anstatt Tee wird gekochtes Wasser ausgegeben, und damit es eine bräun­liche Farbe bekommt, wird etwas gebrannter Zucker beigegeben. Es fehlt an Schöpflöffeln, Eßlöffeln und anderem Geschirr, und deswegen kommt es beim Austeilen unter den Gefangenen zu Konflikten. Das Geschirr wird schlecht abgespült, es ist fettig, alte Speisereste kleben darauf. Ob für die Gefangenen auch Fleisch zugeteilt wird oder nicht, weiß ich nicht, ich kann nur sagen, daß ich hier noch keines gesehen habe. Manchmal wird am Abend ein Stück von sehr schlechtem Fisch gegeben, aber auch das ist nur halb so groß, wie es sein sollte. In der Frühe wird ein nicht voller Löf­fel Zucker auf dem Tisch ausgeleert. Man weiß aber nicht, was man damit anfangen soll; soll man ihn mit der Zunge ablecken oder mit dem Brot abtupfen, denn wie ich schon erwähnt habe, für den Tee wird kein Geschirr ausgegeben; wir müssen ihn aus demselben Geschirr trinken, aus dem wir die Suppe oder auch den Brei essen. Das Brot wird für uns aus Abfällen gebacken, oft ist es aber nicht ganz durchgebacken. Manchmal kommt der ernste Verdacht, daß es aus vom blanken Boden zusammengekehrten Mehl gebacken wird, weil man darin alles mögliche finden kann: Erde, Asche, Kohle, Betonbrocken und sogar... Rattendreck. Das Brot ist oft von Mäu­sen oder Ratten angenagt. Die Verurteilten, die eine gefahrvolle Arbeit ver­richten müssen (wenn hier auch alle diese Arbeit verrichten), bekommen pro Tag einen halben Liter Milch, die aber ständig mit Wasser verdünnt wird. Während der Heizperiode wird es zur Verdünnung der Milch dem Heizungssystem entnommen, damit man das Wasser für diesen Zweck nicht weit zu tragen braucht; so wird der Organismus der Schwerarbeiter geschädigt. Im Gefängnis von Lukiškes in Vilnius sind für die Verpflegung eines Verurteilten 9 Rubel vorgesehen, hier sind es aber 18. Viele Verur­teilte nehmen hier kein Frühstück oder Abendessen zu sich, weil man durch eine Stunde Schlaf mehr Kalorien sparen kann, als man durch das Essen bekommt. Ich nehme ebenfalls kein Frühstück und kein Abendessen zu mir, ich hole nur, wie auch viele anderes es tun, das Brot ab. Verurteilte, die etwas Geld verdient haben, sind berechtigt, für 15 Rubel im Monat im Laden der Zone Lebensmittel einzukaufen, aber nicht alle können verdie­nen; ungeachtet dessen, daß gegen manche Verurteilte nichts vorliegt und sie schon mehr als eine Jahr gearbeitet haben und die Fertigung ihr Soll erfüllt, bleiben für den Verurteilten nicht einmal 10 Rubel pro Jahr, denn die Prämie von Tausenden von Rubeln nimmt jemand anderer an sich. Ich habe ebenfalls kein Geld auf meinem Konto, und ich weiß es auch nicht, ob ich jemals was verdienen werde. Es ist überhaupt möglich, daß meine Haftzeit eher zu Ende gehen wird, als ich meinen Verdienst bekommen werde. Für das aus der Freiheit zugeschickte Geld darf man nichts kaufen, und deswegen beachte ich, vom Hunger gezwungen, das Verbot nicht und gehe „betteln". Es gibt auch hier gute Menschen, die sich meiner erbar­men, die mir etwas Margarine aufs Brot streichen, oder mich mit Konser­ven bewirten. Jene aber, die von niemandem unterstützt werden und kein Geld zum Einkaufen haben, sammeln die Speisereste vom Boden auf oder verdienen sich ein Stück Brot durch das Reinigen eines Korridors, Saals oder ähnl. Die Raucher sammeln alle Zigarettenreste vom Boden auf. Es gibt aber auch solche, die sich zu helfen wissen, die in der Lage sind, auf irgendwelchen Wegen sich Lebensmittel aus der Freiheit zu beschaffen. Die Not ist der beste Lehrer. Wenn mir jemand früher so etwas erzählt hätte, hätte ich niemals glauben können, daß unter diesen Umständen und mit solchen Nahrungsmitteln die Verurteilten in Besserungsarbeitskolonien ernährt werden könnten. So etwas ist nur unter dem sowjetischen System möglich.

Mit der Forderung nach einer besseren Verpflegung und größeren Sauber­keit im Speiseraum haben die Verurteilten einstimmig Hungerstreiks ange­kündigt, ganze Abteilungen haben auf das Essen verzichtet. Am Vorabend des 16. Februar dieses Jahres haben die Gefangenen, bewaffnet mit Brech­eisen, Spießen, Stöcken, Rohren, Knüppeln und anderen Werkzeugen, die Zäune umgeworfen und die Arbeiter des Speiseraumes überfallen. Es gab sogar Verletzte. Um diesen Aufstand niederzuschlagen, wurde das Militär ins Lager gerufen. Trotz der Forderungen der Gefangenen hat sich die Lage im Speiseraum nicht gebessert.

Kommisionen besuchen oft die Zone, was sie hier aber überprüfen, was sie machen, ist völlig unklar. Man muß annehmen, daß sie hier gewöhn­lich mit der Lagerverwaltung Kaffee oder Kognac trinken und wieder weg­fahren.

Als ich mich wegen der Verbreitung der Ratten im Speiseraum beim Vor­steher der Operativabteilung, Nesterow, beschwert habe, lächelte er nur und antwortete mir: „Gražulis, du bist doch nicht in einen Kurort geraten. Ratten im Speiseraum habe ich aber seit zehn Jahren keine mehr gesehen." Der Vorsteher sieht scheinbar schlecht; und wie soll er sie auch sehen - er braucht hier nicht zu speisen.

Während unserer Unterhaltung versuchte Nesterow mich zu überzeugen, daß ich ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes sei, der jetzt isoliert ist. Es ist sehr schade, daß ich von hier aus nicht ins Ausland schreiben darf, damit die Amerikaner oder die Litauer im Ausland mich hören, sonst würden vielleicht, wie Nesterow sagte, Geheimdienstmänner mich, als ihren Mann, unterstützen und durch das Rote Kreuz Lebensmittel mir zuschicken, damit ich nicht hungern muß. Vielleicht würden sie mich mit Vitaminen, Medikamenten versorgen, denn hier mangelt es an allem. Viel­leicht würden sie Rattengift gegen die Ratten schicken, die beinahe schon die ganze Kolonie unter ihrer Herrschaft haben...

Es gibt in unserer Zone eine Sanitätsabteilung, aber die ernstlich Kranken können dort nicht hineinkommen, weil dort vielleicht vier oder mehr gesunde Menschen dauernd „behandelt" werden. Manche von ihnen wer­den schon seit einem halben Jahr oder sogar noch länger „behandelt"; manchmal kommt es vor, daß einer bis zum Ablauf seiner Haftzeit behan­delt wird, jene aber, die von der Arbeit freigeschrieben werden sollten, wer­den nicht freigeschrieben, wie z. B. der Arbeiter unserer Brigade Gintas. Er hat sich mit der elektrischen Säge an der Hand verletzt, die Wunde wurde genäht, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wurde aber nicht ausge­stellt, obwohl er einen ganzen Monat nicht arbeiten konnte. Als ich an der Grippe erkrankte und Fieber bekommen hatte, wurde ich nur für zwei Tage arbeitsunfähig geschrieben, und ich mußte noch mit Fieber zur Arbeit gehen.

In zellenartigen Räumen und Strafisolatoren werden Medikamente vom Vorsteher der Operativabteilung Nesterow oder vom Obersten Gruodis ver­teilt. Der Arzt ist hier dazu nicht berechtigt. Das ist aber Mißbrauch der Medizin. Die Verurteilten sagen ganz offen, daß man für 25 Rubel für etwa einen Monat zur Erholung in die Sanitätsabteilung kommen kann. Für denselben Preis kann man sich eine „Diät", eine bessere Verpflegung, besorgen. Das kann man dadurch erreichen, daß man das Geld einem der in der Sanitätsabteilung liegenden gesunden Kranken bezahlt, der bis zu seiner Entlassung dort liegt. Seine Aufgabe ist, die Abgaben einzusammeln und sie mit dem Oberarzt zu teilen. Zu diesem Zweck halten sich die Ärzte einige gesunde Menschen in der Sanitätsabteilung. Anders kann man die langdauernde „Behandlung" gar nicht erklären.

Zu der Zahnärztin, die hier an drei Tagen in der Woche von 8 bis 13 Uhr arbeitet, kommen die Verurteilten, die die ganze Zeit in der ersten Schicht arbeiten, überhaupt nicht hin, weil sie zu diesem Zweck nicht aus der Arbeit freigelassen werden. Sich vorzudrängein hat auch keinen Zweck, weil die Zahnärztin selber sagt, daß in der Zone die Behandlung schlecht ist: Die „Bohrmaschine" ist alt, die Bohrer sind stumpf, die Füllungen und anderes Material von schlechter Qualität.

Während der Arbeit stellen wir Kisten her. Der Raum ist eng, schlecht beleuchtet. Da es sehr eng ist, ist es schwer, an den Arbeitenden vorbeizu­kommen, um Material zu holen: Man zerreißt die Kleider, verkratzt die Hände. Die Arbeitstische sind zusammengebrochen, für die Herstellung der Kisten überhaupt nicht geeignet. Nicht einmal Hämmer gibt es ausrei­chend. Anstelle eines Hammers gibt es an einem Rohr befestigte Metall­stücke, deswegen haut man sich leicht auf die Finger. Es gibt keine Arbeitskleider. Wir haben uns einmal in dieser Angelegenheit mit dem Meister unterhalten. Er antwortete uns, daß es keine gebe. Deswegen arbeiten wir, leben wir und gehen spazieren in der Zone mit denselben dreckigen, staubigen Kleidern.

Die in „Jaunimo gretos" („Jugendreihen") von Algirdas Pivelis aufgenom­menen Verurteilten sehen vorbildlich aus: Sie sind mit sauberen neuen Steppjacken angezogen, tragen glänzende Schuhe. A. Pivelis hätte in unse­rer Zone seine Aufnahmen von den Gefangenen der 21., 23. oder 24. Bri­gade machen sollen. Ihre Schuhe sind zerrissen, einer von ihnen hat sogar seine Schuhe mit einem Strick festgebunden. Sie sehen erbärmlich aus, die Barte unrasiert, ihre Körper und Gesichter sind voller Grind. Weil sie nicht gebadet, ihre Kleider nicht gereinigt sind, verbreiten die Gefangenen einen unangenehmen Geruch. Was es bei ihnen zu finden gibt, das ist ein Stück Brot in der Tasche, damit sie bis zum Arbeitsschluß aushalten können. Ohne nur ein bißchen zu übertreiben, kann man sie mit Verhafteten des

Konzentrationslagers „Dievų miškas" („Götterwald") von B. Sruoga verglei­chen, die man dort die Widerwärtigen nannte.

Die Verurteilten, die in der Rundfunkfertigung beschäftigt sind, arbeiten ohne freie Tage, obwohl sie nach dem Gesetz einen Tag in der Woche frei haben dürfen und nur 8 Stunden pro Tag arbeiten sollten. Sie arbeiten aber von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr und manchmal sogar bis 1 Uhr in der Nacht durch. Das ist eine Arbeit von Sklaven. Die Sklaven wurden aber gekauft und man mußte Geld für sie bezahlen, deswegen hütete sie der Sklaven­halter wie sein Eigentum, schonte sie, wie eine Sache, damit sie ihm länger dienen konnten. Wir sind aber Eigentum des Staates, verurteilt, erniedrigt, ohne Stimmrecht; unsere Gesundheit, unsere Nöte kümmern niemanden. Es kümmert niemanden, was wir zum Essen bekommen, unter welchen Bedingungen wir leben und arbeiten.

Wenn neue Gefangene in die Zone gebracht werden, werden ihre Kleider ihnen abgenommen, die besseren verkauft, die restlichen irgendwohin weg­geschafft. Wenn sie eines Tages nach Hause gehen, bekommen sie ihre Kleider nicht mehr. Es ist gut, wenn ihre Angehörigen kommen, um sie zu empfangen und ihnen Kleider mitbringen. Wenn aber niemand kommt zum Abholen?

In der Wöhnzone gibt es, könnte man sagen, überhaupt keinen Raum. Das ganze Gelände ist voll von Rattenlöchern. Die Toiletten, sowohl in der Wöhnzohne als auch in der Arbeitszone, sind unsauber, werden nicht gereinigt, Abflüsse sind verstopft, ständig herrscht ein unerträglicher Geruch. Die Sektionen (so werden Räume genannt, wo die Verurteilten wohnen und schlafen) sehen ordentlich aus, die Wände sind schön getüncht, sie sind aber so winzig klein, daß es nicht einmal Platz gibt, einen Hocker hinzustellen. Es gibt keine Anschlüsse für Rundfunkgeräte. Sich wegen der Platzgröße beklagen darf man nicht, denn wie der Major Baršketis sagt, „das Gesetz sieht für den Verurteilten keinen Mindestplatz oder bestimmte Quadratmeterzahl vor". Das steht ihnen nicht zu.

Ein neu angekommener Gefangener stößt auf gewisse Probleme. Es gibt keine Möglichkeit sich zu rasieren. Rasiere dich, womit du willst, aber rasiert mußt du sein. Wo soll man einen Faden, eine Nadel, Seife, Knöpfe, Schuhcreme, eine Bürste für die Schuhe oder für die Kleider, Briefpapier, Briefumschlag, Schreibzeug bekommen usw., usw.? Wo kann man die Klei­der waschen, und wenn man gewaschen hat, was soll man anziehen, wenn nur eine Kleidergarnitur herausgegeben wird? Zahnpulver gibt es in der Zone seit über einem Jahr nicht mehr. Zahncreme zu schicken ist verbo­ten, weil die Gefangenen sie aufessen. Man darf auch keinen Zucker schik-ken, weil die Gefangenen daraus Schnaps brennen. Etwa um den 20. April wurden zwei Schnapsbrennvorrichtungen gefunden. Das ist in der Zone überhaupt nicht Neues. Drogensucht, Trunksucht, Homosexualität sind in der Kolonie sehr weit verbreitet. Wenn jemand illegal Narkotika in die Zone bringt, dann ist die Hälfte der Zone voll mit Besoffenen.

Ich möchte in diesem meinem Brief auch die Haftbedingungen im Gefäng­nis von Lukiškes in Vilnius erwähnen. In Zellen, die vier Meter lang und etwa zwei Meter breit sind, wurden zu Zeiten des Zaren zwei oder sogar nur ein Verurteilter untergebracht, heute leben 6, 8 oder sogar 9 Verurteilte darin. In der Zelle stehen sechs Betten zweistöckig aufgebaut, der Stroh­sack ist auf einer Blechplatte ausgebreitet, die im Bettgestell an Stelle des Bettrahmens eingeschweißt ist. Sechs Gefangene schlafen also in Betten und die anderen am Boden. Der neunte muß dann unter den Betten schla­fen, weil man am Boden nur zwei Strohsäcke unterbringen kann. Die Toi­lette befindet sich in der Zelle selbst (wie es darin riecht, kann man sich gut vorstellen). Dort steht auch eine Waschgelegenheit und ein kleiner Spind für die Nahrungsmittel. Es gibt in der Zelle so wenig Platz, daß die Gefangenen nicht einmal ihre Betten alle auf einmal verlassen können -man hat keinen Platz zum Stehen. Unter diesen Bedingungen leben die Verurteilten, die nur einmal am Tag für eine Stunde zu einem Spaziergang hinausgelassen werden; sie verbringen hier aber nicht selten bis zu einem Jahr, deswegen sind Läuse und Krankheiten hier keine seltenen Gäste.

Als wir aus Vilnius in das Lager nach Pravieniškiai transportiert wurden, wurden wir in eine quadratische Abteilung, in eine Waggonabteilung, die für vier Mann berechnet ist, gepfercht - 17 Gefangene! Damit wir dort alle Platz bekommen, mußten uns die Soldaten mit ihren Marschstiefeln hineinpressen.

So sieht, kurz betrachtet, unser Leben in der Zone OČ 12/8 und so sehen die Haftbedingungen im Gefängnis von Lukiškes aus. Der Zweck dieser Erklärung ist, daß eine Ordnung in der Zone eingeführt werden soll, die in die innere Ordnungsregelung für alle, und nicht nur für mich allein, bes­sere Haftbedingungen bringen soll. Wenn die Lagerverwaltung nur mir ermöglicht, meine Zähne behandeln zu lassen, nur mir ein Trinkgefäß (wie es vorgekommen ist) oder einen Stuhl gibt, eine Arbeitskleidung zuteilt und ähnliches, damit bin ich nicht einverstanden.

An manchen Stellen dieser Erklärung sind die Namen nicht erwähnt worden. Um eine Ordnung einführen zu können, sind keine Namen nötig. Beispielsweise kann man bei der Überprüfung der Sanitätsabteilung auch ohne Namen feststellen, ob dort ein Gesunder liegt und wie lange. Man kann jene befragen, die in Isolatoren oder in zellenähnlichen Räumen untergebracht sind, wer dort die Verurteilten medizinisch behandelt und ihnen die Medikamente ausgibt - das medizinische Personal oder die Lagerverwaltung. Man kann auch ohne Namen überprüfen, ob die Verur­teilten Überstunden leisten müssen, ob sie Ruhetage haben. Man kann auch ohne Namen sehen, wie die Gefangenen der Brigaden 21, 22 oder 24 angezogen sind.

Aus Ihrem Gespräch mit mir am 4. Mai d. J. war zu entnehmen, daß Sie, verehrter Staatsanwalt, die Haft- und Arbeitsbedingungen der Verurteilten in der Zone überhaupt nicht interessiert haben. Sie waren nur darum bemüht, mich einzuschüchtern, damit ich nicht schreibe, mich nicht beschwere, denn sonst, wie Sie behaupten, könnte ich wegen der Schreibe­rei bestraft werden und ähnliches.

Mir ist überhaupt nicht wichtig, was Sie sagen möchten, oder wie Sie mich bestrafen möchten. Wenn ich das alles sehe, kann ich nur über mich allein nicht schreiben. Als Gläubiger bin ich verpflichtet, mit meinem Nächsten mitzufühlen und ihm beizustehen. Die Verurteilten, die hier durch die Schwerstarbeit erschöpft sind und ausruhen wollen, schädigen oft ihre Gesundheit, indem sie Drahtstücke, Schweißelektroden verschlucken, ihre Venen durchschneiden oder Nägel so in die Venen stecken, daß sie nicht mehr sichtbar sind, oder sie versetzen sich einen Stich in die Lunge. Um diese Fremdkörper entfernen zu können, werden die Verletzten in ein Krankenhaus gebracht und auf diese Weise können sie sich ausruhen.

Die Medizin im Lager wird von der Lagerverwaltung kontrolliert, die Lagerverwaltung und der Staatssicherheitsdienst sind aber gegen mich, sollte ich also hier krank werden, könnte die Medizin nicht zu meiner Heilung, sondern zur Schädigung angewendet werden.«

Am 15.5.1988.

Gintautas Iešmantas schreibt:

(Auszüge aus einem Brief vom 8. November 1987 an die Redaktion des Journals „Literatūra ir menas" - „Literatur und Kunst".)

»Am U. August dieses Jahres habe ich an den Sekretär des ZK der KPL, L. Šepetys, einen Brief abgeschickt mit der Bitte, Maßnahmen zu ergreifen, damit die Manuskripte meiner dichterischen Schöpfungen, die mir die Mit­arbeiter des Staatssicherheitsdienstes der SSR Litauen, beginnend mit dem Jahr 1974 bis 1986 abgenommen hatten, mir zurückgegeben werden. Der Sekretär L. Šepetys unternahm diesbezüglich keinerlei Schritte und gab meinen Brief, ohne mich davon zu benachrichtigen, an die Staatsanwalt­schaft weiter. Diese teilte mir durch einen Brief vom 10. Oktober, unter­zeichnet von J. Bakučionis, mit, daß die von mir geforderten „Schöpfungen als Beweismaterial anerkannt worden seien, und daß der Gerichtsbeschluß nicht aufgehoben sei". Aus diesem Grunde gebe es keine Möglichkeit, meine Manuskripte mir zurückzugeben. (...) Man möchte schon direkt fra­gen, ob ein derartiges Benehmen nicht den Bestimmungen widerspricht, die mit dem Begriff „Umgestaltung" in Verbindung stehen? Hat nicht L. Šepetys selbst in der Presse behauptet, daß man „in voller Verantwor­tung behaupten kann, daß es bei uns keine künstlerische Schöpfungen gibt und gegeben hat, die wegen ideeller und politischer Motive verboten waren..." Aber gerade auf Grund solcher Motive sind die Satiren von V. Kudirka, das Werk „Blūdas" („Schüssel") von Dobilas, „Algimantas" von Pietaris, manche Werke von Maironis nicht gedruckt worden... Ist vielleicht nicht wegen derselben ideelen oder politischen Motive der Roman „Juodųjų eglių šalis" („Das Land der schwarzen Tannen") von J. Mikelinskas ein gutes Jahrzehnt in der Tischschublade liegen geblieben oder die Herausgabe der Geschichte Litauens von Kojelavičius eingestellt worden?

Es gab und es gibt noch krassere Fälle, als der mit meinen Manuskripten. Das sonderbarste ist dabei, daß sogar jene Werke, die nach unschuldigen Motiven wie Natur, Liebe, menschliche Existenz geschaffen sind, als inkri­minierend angesehen werden. Die meisten aber sind solche! Überlegen Sie nur, wo, in welchem Lande dichterische Werke, ihr Wert ist gar nicht wich­tig, als Beweismaterial der Anklage, als Sachbeweismaterial verwendet wer­den können? Es hat aber nicht einmal Wert, darüber zu reden! Ich habe im Gerichtsbeschluß eines Gefangenen gelesen, daß ein Transistor als Sachbeweismaterial anerkannt wurde (man habe Auslandssendungen gehört). Und deswegen wurde der Transistor nach Gerichtsbeschluß zur Zerstörung verurteilt. Siehe nur, bis zu welcher Stumpfsinnigkeit man kommen kann, wenn man weder das Gewissen, noch die Gerechtigkeit be­achtet! (...) Eine solche ausgedörrte Denkweise ist mit einem auf dem Weg liegenden Stein vergleichbar, der ohne Anstrengung nicht beseitigt werden kann. (...) Es muß einmal dem Verbrechertum und der Barbarei ein Ende gemacht werden.«

P.S. Die Redaktion der „Literatūra ir menas" verweigerte die Veröffent­lichung dieses Briefes, dessen Ausschnitte wir hier wiedergegeben haben.

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„Es ist erfreulich gute Worte aus der Heimat hören zu dürfen. Sie geben Kraft, wenn die Minuten der Trauer und der Unruhe einen überkommen.

Im Lager habe ich einen Brief bekommen, in dem, genau wie in Ihrem, geschrieben stand: Mit Dankbarkeit und Liebe. Es wundert mich - für was? Warum?

Wofür sagst Du Dank mir, zitterndes Herz? Wofür mir Armem, der nur gewagt? Für meinen Schmerz, vom Schicksal gegeben? Wofür sagst Du Dank mir, zitterndes Herz? Für meinen Kummer, den traurig gewebten? Für meine Opfer, vom Winde verweht? Wofür sagst Du Dank mir, zitterndes Herz? Wofür mir Armem, der nur gewagt?

Ja, so war es wirklich. Wir wanderten in Finsternis und sahen kein Licht, aber wir wanderten im Glauben an das Licht. Heute ändert sich die Lage. Wir sehen schon, wenn auch noch nicht deutlich, einen Lichtschimmer. Man möchte glauben, daß das keine Fata Morganą ist, und daß unsere Ziele erreicht werden. Diesmal aber noch deutlicher, als jemals zuvor:

Und unsere Schwäche zur Stärke uns wird,

wie auch Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung...

Oh Verlorenheit! Gegen die Finsternis und die Gemeinheit

gehst du von einem Leiden in ein anderes.

Wie eine Erwartung... und deine glitzernden Tränen

fallen wie Sterne in die Seelen als Feuer."

Am 22.4.1988.

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NACHRICHTEN AUS DEN DIÖZESEN

Kaunas. Am 2. August 1988 fand im Interdiözesanpriesterseminar zu Kaunas eine Versammlung der Würdenträger und der Geistlichen der Litauischen Katholischen Kirche statt. Die Versammlung wurde mit dem Hymnus an den Heiligen Geist eröffnet. Zwei Vorträge wurden gehalten: „Maria im Leben eines Priesters" und „Pastoralbriefe und Belehrungen des Erzbischofs von Vilnius, des seligen Jurgis Matulaitis". Die hl. Messe konzelebrierten der Kardinal Vincentas Sladkevičius, die Bischöfe A. Vai­čius, J. Preikšas, J. Steponavičius, R. Krikščiūnas und etwa 30 Priester. Während der hl. Messe sprach im Namen der Bischöfe Kardinal Vincentas Sladkevičius (siehe oben). Nach der Ansprache des Kardinals, die mit gro­ßer Aufmerksamkeit angehört wurde, brachten die Priester ihre Zuneigung und das Vertrauen zur derzeitigen Obrigkeit der Kirche zum Ausdruck, nahmen aber auch Anstoß an der Einmischung der Regierung in rein innere Angelegenheiten der Kirche, an der schlechten Verwaltung des Priesterseminars zu Kaunas und der Einmischung in die Ernennung der Priester. Alle stimmten den Äußerungen des Dekans von Lazdijai, Priester

V. Jalinskas, zu. „Es ist schmerzlich, daß die letzte Entscheidung bei der Auswahl der Kandidaten für das Priesterseminar ein Vertreter der Regierung trifft. Auch dieses Jahr wurde die Liste der Kandidaten für das Priesterseminar nach Vilnius gebracht... Wir müssen danach streben, daß die Kirche nicht den Interessen des Staates unterworfen wird, daß die Fangarme der Unterjochung gekürzt werden. Die Aufnahme der jungen Männer in das Priesterseminar ist reine Sache der Geistlichkeit, und dieser Zustand ist widerrechtlich. Der Terror gegen die Kandidaten für das Prie­sterseminar muß endlich ein Ende nehmen; daß man von ihnen verlangt, durch eine Verleumdung des Priesteramtes selbst und der Priester mit dem Sicherheitsdienst zusammenzuarbeiten. Das ist eine Verletzung der Verfas­sung, eine kriminelle Tat, und deswegen sollen jene, die dies tun, entlarvt und der Verantwortung vor dem Gesetz zugeführt werden. Es ist eine Schande für einen Staat, wenn er mit solchen Mitteln versucht, die Kirche zu unterjochen." - sagte Priester V. Jalinskas. „Es ist falsch, wenn man meint, man müsse sich bei der Ernennung der Priester an Vilnius wenden. Das ist ebenfalls eine innere Angelegenheit der Kirche, und niemand hat das Recht, sich in die innere Struktur der Kirche einzumischen. Unter den jetzigen Bedingungen ist dem Priester manchmal nicht mehr klar, wem man gehorchen soll: Dem Bischof, der die Priesterweihe gespendet hatte, oder der unsichtbaren Hand, die die Struktur der Kirche zerstört" - so brachte Priester V. Jalinskas stellvertretend die schmerzlichen Erfahrungen manchen Priesters zum Ausdruck.

Priester Zenonas Navickas aus der Diözese Kaišiadorys hob die Gefangen­schaft der Priester hervor. Die Priester stimmten der Forderung zu, daß die Priester Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevičius rehabilitiert werden und nicht in der Verbannung gehalten werden sollten, wie der Priester S. Tamkevičius, oder in den Westen abgeschoben werden sollen, wie der Priester A. Svarinskas.

Der Pfarrer der Pfarrei Valkininkai, Priester Algimantas Keina, stellte in seiner Aussage auch eine Reihe von seelsorgerischen Fragen.

Priester A. Svarinskas, der an der Versammlung ebenfalls teilnahm, teilte seine Erfahrungen als Priester mit anderen Teilnehmern und dankte im Namen der inhaftierten Priester allen für ihre Gebete, für moralische Un­terstützung und versprach in seiner Danksagung, er werde, wo er auch sein werde und wo immer er arbeite, im Gebet und in der Tätigkeit in Einheit mit der Katholischen Kirche Litauens bleiben.

- Vor dem Abschluß der Versammlung wurde ein Schreiben entworfen und es wurde beschlossen, der Regierung folgende Forderungen zu stellen:

- Dem Bischof der Erzdiözese Vilnius, Julijonas Steponavičius, zu erlau­ben, nach Vilnius zurückzukehren und sein Amt als Flirte auszuüben;

- Die Kathedrale von Vilnius und die St. Casimir-Kirche, wie auch die Kir­che „Königin des Friedens" von Klaipėda den Gläubigen zurückzugeben;

- Aus den Gefängnissen und aus der Verbannung die unschuldig dort lei­denden Priester und Laien freizulassen, die sich für die Demokratisierung der Gesellschaft wie auch für die Religions- und Gewissensfreiheit einge­setzt haben;

- Zu erlauben, die zerstörten Kirchen wiederaufzubauen und neue dort einzurichten, wo sie nach Meinung der kirchlichen Obrigkeit für die Gläubigen notwendig sind;

- Den Eltern das Recht zu garantieren, ungehindert ihren Kindern ihren eigenen Glauben weiterzugeben;

- Zu garantieren, daß die Menschen wegen ihrer religiösen Überzeugungen nicht terrorisiert werden;

- Mit dem Terror gegen die jungen Männer, die in das Priesterseminar ein­treten wollen, aufzuhören;

- Den Gläubigen die Möglichkeit zu geben, an den Tagen der großen religiösen Feiern sich von der Pflichtarbeit zu befreien;

- die Tätigkeit der religiösen Bewegungen wie auch Vereine (Wohlfahrts­vereine, Unterstützungsvereine, antialkoholische Bewegung usw.) zu erlau­ben; den Gläubigen die Möglichkeit der Benutzung der Masseninforma­tionsmittel zur Verbreitung des Glaubens und zur Pflege der Sittlichkeit zu geben, den Druck von Büchern und Zeitschriften zu erlauben.

Am Schluß der Versammlung wurde die Lauretanische Litanei gesungen.


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Žemaičių Kalvarija (Rayon Plungė). Vom 2. bis 10. Juli 1988 fanden in Žemaičių Kalvarija, wie jedes Jahr, die großen Ablaßfeierlichkeiten der Heimsuchung der Jungfrau Maria statt. Dieses Jahr verliefen sie in einer von allen wahrgenommenen Atmosphäre des geistigen Aufschwungs. Die religiöse Begeisterung der Gläubigen, besonders aber der Niederlitauer, wurde besonders durch die Nachricht verstärkt, daß der Heilige Vater die Kirche von Žemaičių Kalvarija zur Basilika minor erhoben hat. Auch für diese Gnade wurde während der Feierlichkeiten gedankt. Viele Wallfahrer gab es am Sonntag, besonders aber am 6. Juli, dem sogenannten Priester­mittwoch. Während des Hochamtes hielt an diesem Tag Bischof Juozas

Preikšas die Predigt, der die Gläubigen aufforderte, den von den Eltern erhaltenen Glauben zu schützen, und lud alle zu einer unzertrennlichen Einheit mit der Katholischen Kirche ein.

Priester Jonas Kauneckas machte in seiner Predigt während der Frühmesse die Gläubigen darauf aufmerksam, daß der durch die Massenmedien pro­pagierte Sex ein moralischer Mord am Volke ist, der wesentlich schlimmere Ergebnisse mit sich tragen könnte, als die physische Vernichtung des Vol­kes in den Nachkriegsjahren. Der Priester forderte alle auf, sich in diesem Jahr Mariens dazu zu entschließen, für die durch Jahrhunderte von unse­rem Volke hochgeschätzte Unschuld und Keuschheit zu kämpfen. Bevor nach dem Hochamt das Abstinenzgelübde erneuert wurde, sprach kurz der verbannte Bischof der Erzdiözese Vilnius, J. Steponavičius, zu den Prie­stern. „Ohne die Hilfe Gottes und ohne den Glauben werden wir das Volk nicht zu einem neuen Leben erwecken können. Wir wollen Leuchttürme im Kampfe für die Nüchternheit des Volkes sein. Eine Hilfe den unter dem Kreuz der Trunkenheit gefallenen Kindern unseres Volkes zu bringen, ist die Pflicht eines jeden Priesters Litauens", - sagte der Bischof. Er erinnerte an das Beispiel des Irländers Matthäus Talbot, wie ein in den Sumpf der Trunkenheit geratener Mensch mit Hilfe des Gebetes und mit dem Empfang der Sakramente ein Heiliger werden kann.

Am 6. Juli wurde im Heiligtum von Žemaičių Kalvarija auch des Mariani­schen Jahres gedacht. An den Feierlichkeiten nahmen die Bischöfe Julijo­nas Steponavičius, Juozas Preikšas und der Herr dieses Heiligtums, der Bischof von Telšiai, Antanas Vaičius, teil, außerdem etwa 110 Priester, eine unzählige Menge Gläubiger und viele Jugendliche.

Der Bischof der Diözese Telšiai, Antanas Vaičius, leitete sogar sechs Tage, vom 2. bis 7. Juli, den Hauptgottesdienst und danach ging er mit dem Volke die Kreuzwegstationen. In den Ansprachen beim Begehen der Kreuzweg­stationen wurde auch an die noch nahe Vergangenheit gedacht, als die gott­lose Regierung durch verschiedenste Verbote und Schikanen versucht hatte, die alte Tradition des Begehens der Kreuzwegstationen durch den Besuch der Kalvarienkapellen zu unterbinden; den Priestern wurde unter­sagt, die Kreuzwegstationen zu leiten und sie mit dem Volke zu begehen (nur der Priester Klemensas Arlauskas, der Benefiziant von Ylakiai, hat sich getraut, dieses Verbot nicht zu befolgen). Es gab Jahre, da bewaffnete Milizmänner die Menschenmenge vor dem Tor des Kirchhofes angehalten haben, als sie die Kreuzwegstationen begehen wollten, und zu schießen drohten, wenn jemand die Grenze des Kirchhofes überschreiten werde. Aber auch damals zogen sich die Milizmänner mit ihren Waffen zurück, als sie den festen Entschluß des Volkes sahen, und so blieb die Tradition des Besuchs der Kreuzwegkapellen erhalten. Die Prediger erinnerten auch daran, daß die von „unbekannten Übeltätern" aus den Kapellen geraubten alten und wertvollen Bilder später im Atheismusmuseum landeten und nur dank des Kulturfonds es der Kirche gelang, sie zurückzubekommen. Die Niederlitauer erinnern sich auch an die Tage, als sie zu den Kalvarienkapel-len hinauszogen, um die Kreuzwegstationen zu begehen, und sie von der Regierung verschlossen fanden und man die Türe aufbrechen mußte; als man keine Priester zur Aushilfe einladen durfte und nur der Pfarrer und der Benefiziant die ganze Menge von Wallfahrern versorgen mußten. In der Erinnerung an diese schweren Tage der Vergangenheit faßten die Gläubi­gen den Entschluß und den Mut, ungeachtet aller Schwierigkeiten, für das Evangelium Christi im Volke und auch im eigenen Herzen zu kämpfen.

An den Tagen der Ablaßfeierlichkeiten wurden in Žemaičių Kalvarija 26000 hl. Kommunionen ausgeteilt.

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Zum Gedenken an die ersten Massenverbannungen der unschuldigen Menschen am 14. Juni 1941, an den grausamen Beschluß, sie einem furcht­baren Leiden und schließlich der Kälte und dem Hungertod auszuliefern, versammelten sich die Gläubigen in zahlreichen Kirchen Litauens zu einem Gebet. Nach dem 14. Juni versammelten sich die Gläubigen in klei­nen Gruppen in ihren Pfarrkirchen zum Gebet für die verstorbenen Ver­bannten und am Sonntag, dem 19. Juni, wurden zu ihrem Gedenken in den Kirchen „Der Engel des Herrn", „Gott ist unsere Zuflucht und Stärke", die Nationalhymne „Lietuva, tėvyne mūsų" („Litauen, unsere Heimat") wie auch andere religiöse und nationale Lieder gesungen. Eifrigere Priester hielten dazu geeignete Predigten.

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Klaipėda. Seit Januar 1988 verspricht die Regierung, die Kirche „Köni­gin des Friedens" von Klaipėda zurückzugeben, verschiebt aber das Rück­gabedatum immer wieder. Der neuernannte Pfarrer dieser Kirche, Priester Bronislovas Burneikis, wollte wenigstens in dem von der Regierung zu­rückgegebenen Pfarrhaus die hl. Messe zu feiern beginnen und auf diese Weise die Gläubigen von Klaipėda versorgen, das Exekutivkomitee hat jedoch das Feiern der hl. Messe im Pfarrhaus verboten.

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Josvainiai (Rayon Kėdainiai). Der Pfarrer der Pfarrei Josvainiai, Priester Leonas Kalinauskas, wurde am 8. Februar 1988 in die Staatsanwalt­schaft von Kėdainiai eingeladen. Im Beisein des Rayonvorstehers des

Sicherheitsdienstes, Julius Kurdesovas, drohte der Staatsanwalt dem Priester L. Kalinauskas mit dem §68 des StGB der LSSR wegen seiner Unterschrift unter einem Aufruf, aus Anlaß des 16. Februar für Litauen zu beten. Am 18. Februar wurde in der Rayonzeitschrift ein Artikel „Nehmen Sie die schwarze Brille ab, Herr Pfarrer" veröffentlicht, den angeblich die Einwohner von Josvainiai geschrieben haben sollen. In einem Brief des Priesters L. Kalinauskas vom 13. April an die Redaktion der Rayonzeit­schrift legt der Pfarrer ein Beispiel des Verhaltens der Regierungsbedienste­ten vor, wie der Parteisekretär des Kolchos, Ksavalis, zusammen mit einem Korrespondenten zu den Leuten nach Hause gefahren ist, um von ihnen zu verlangen, einen vorbereiteten Artikel gegen den Pfarrer zu unterschrei­ben. Die Gläubigen der Pfarrei Josvainiai, Steponas Lukošius und Juozas Juodeika, verweigerten ihre Unterschriften: Es gab sogar Atheisten, die später zum Pfarrer gekommen sind, um ihn um Verzeihung zu bitten, denn sie hatten unterschrieben, weil sie Angst hatten, ihre Arbeit zu verlieren oder in Ungnade zu geraten.

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Marijampolė. Am 15. Juli 1988, Samstag in der Oktave der Feierlich­keiten des seligen Erzbischofs Jurgis Matulaitis, ist Seine Eminenz, der Kardinal Vincentas Sladkevičius, auf Einladung der Jugend, in die Kirche von Marijampolė gekommen, um dort am Gottesdienst der Katholischen Jugend Litauens teilzunehmen. Es ist schon zu einer Tradition der Jugend geworden, früher im Januar, in den letzten zwei Jahren aber im Juli, sich am Grabe des seligen Jurgis Matulaitis zu versammeln.

Das Hochamt feierte Kardinal V. Sladkevičius.

In einer der Jugend gewidmeten Predigt erklärte Kardinal V. Sladkevičius der Jugend, was man benötigt, damit der Mensch die Fülle der Freuden seiner Jugend erlebt und seine geistige Jugend bis ins hohe Alter bewahren kann - man muß die von Gott und Christus gegebenen Gebote einhalten. Der Jugendchor der Pfarrei Marijampolė, von hoher künstlerischer Quali­tät, sang während des Gottesdienstes klassische Werke der religiösen Musik in lateinischer Sprache, trotzdem aber möchte man an dem einzigen Tag im Jahr, an dem die gläubige Jugend aus verschiedenen Pfarreien zahlreich sich in diesem Heiligtum der Suvalkija versammelt, die jugendlichen Gesänge und das gemeinsame Gebet in allen verständlicher Sprache hören.

Nach dem Gottesdienst fand eine Begegnung der Katholischen Jugend mit dem Kardinal V. Sladkevičius auf dem Kirchhof statt. In diesem Gespräch dankten die Jugendlichen dem Kardinal für sein Kommen, für seine Geste der Solidarität und versprach ihm, die in seiner Predigt gehörten Gedanken im Leben zu verwirklichen.

Auch diesmal trübten manche Unebenheiten die feierlichen Freuden in Marijampolė. Von den Beamten der gottlosen Regierung eingeschüchtert, ging der Pfarrer von Marijampolė, Priester Leonas Leščinskas, auf dem Kirchhof viel zu energisch gegen die Nationalflaggen Litauens vor und erlaubte den Vertretern der Jugend nicht, die Hymne der „Ateitininkai" („Zukünftler") in der Kirche zu singen, und auch nicht, den Kardinal vor dem Hauptportal der Kirche feierlich zu empfangen. Der Platz für die Begegnung mit dem Kardinal auf dem Kirchhof wurde nicht mit Laut­sprechern versehen, deswegen konnten viele Menschen, die etwas weiter weg standen, die Glückwünsche und die Rede des Kardinals nicht hören.

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V i l n i u s . Der Pfarrer der St. Nikolaus-Kirche zu Vilnius, Priester Juoza­pas Tunaitis, sein Vikar, Priester Medardas Čeponis, und der Vorsitzende des Pfarrkomitees, Alfonsas Makačinas, haben am 31. Dezember 1987 an die Redaktion der „Vakarinės naujienos" („Abendnachrichten") ein Schrei­ben geschickt wegen dem in dieser Zeitung am 12. Dezember veröffentlich­ten Artikel „Neįprasta paskaita nepažįstamajam" („Ein ungewöhnlicher Vor­trag einem Unbekannten") von Dozent Zenonas Pilkauskas. Darin versucht er tendenziös, in beleidigender Weise und in einer öffentlichen Lüge zu behaupten, daß es in Vilnius keine St. Nikolaus-Kirche gebe, wie es auch, nach seiner Meinung, keinen St. Nikolaus gebe, denn ihm habe die Kirche den Heiligentitel aberkannt. In dem Schreiben wird der Redaktion die Bio­graphie des heiligen Nikolaus geliefert und die Lüge, daß der hl. Nikolaus kein Heiliger sei, verneint, was der Dozent Z. Pilkauskas im „Kalender der Katholiken" nachprüfen könne. Außerdem schreibt man, daß es „schade ist, daß der Verfasser und die Redaktion ihre Leser nicht achten, und weil sie wissen, daß die Leser nicht die Möglichkeit haben, die Tatsachen zu überprüfen, sie irreführen. Noch eine größere Beunruhigung ruft die Tat­sache hervor, daß die Anschauung, daß die Gläubigen Bürger zweiter Klasse sind, die man öffentlich kränken darf, sich noch nicht geändert hat. Wir hoffen, daß die Redaktion, im Zuge der Offenheit, diese Lüge wider­rufen wird..."

Die Redaktion veröffentlichte dieses Schreiben, leider, nicht. Es war noch nicht genug, denn am 5. März 1988 erschien in „Vakarinės naujienos" ein neues Feuilleton mit derselben Benennung. Diesmal bittet die Redaktion P. Pečiūra, diesen Artikel des Doz. Z. Pilkauskas zu kommentieren. P. Pečiūra wiederholt dieselben Verleumdungen in ironischem Ton und wundert sich, warum die Priester sich ereifern, den hl. Nikolaus zu ver­teidigen.

Am 14. April 1988 richteten die Priester der St. Nikolaus-Kirche, J. Tunaitis und M. Čeponis, wie auch der Vorsitzende des Pfarrkomitees, A. Makači-nas, ein zweites Schreiben an die Redaktion der „Vakarinės naujienos" mit der Forderung, die Leser nicht irrezuführen und bei der Verfassung solcher Artikel Kenner zu Rate zu ziehen. In dem Schreiben wurden auch die Quellen angegeben, in denen die Tatsachen unschwer nachzuprüfen sind.

Bis jetzt hat die Redaktion der „Vakarinės naujienos" diese Lüge noch nicht widerrufen.

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Vilnius. Am 25. Juli 1988 haben 23 Personen, die die Einwohner der Mikrorayons, Viršuliškes, Šeškinė und Justiniškiai der Stadt Vilnius vertre­ten, ein Ersuchen an die Kurie der Erzdiözese Vilnius und eine Abschrift davon an S. Exz. Bischof Julijonas Steponavičius abgeschickt. Der Text des Gesuchs:

„Unsere in den letzten Jahrzehnten stark gewachsene Hauptstadt Vilnius hat sich besonders nach Nord-Westen ausgebreitet. In diesen Rayons leben nicht wenige Gläubige, die auf große Schwierigkeiten stoßen, wenn sie die nächsten noch tätigen Kirchen in der Stadt erreichen wollen.

Deswegen wenden wir, die Vertreter der Gläubigen der genannten Mikro­rayons, uns an Sie mit der Bitte, eine neue Pfarrei des römisch-katholi­schen Ritus zu gründen und Ihre Zustimmung für die Errichtung einer Pfarrkirche auf den Namen des Erzbischofs von Vilnius, des seligen Jurgis Matulaitis zu geben.

Wir bitten außerdem herzlichst die geistliche Obrigkeit um ihre Unterstüt­zung und Hilfe bei der juridischen Anerkennung der Gründung der neuen Pfarrei und bei der Errichtung der Kirche."

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Šiauliai. Am 23. März 1988 wurde der St. Georg-Kirche der Stadt Šiauliai eine Verwarnung des Rates für Religionsangelegenheiten der SSR Litauen folgenden Inhalts überreicht: „Es wurde festgestellt, daß das Bet­haus am 14. bis 16. Februar 1988 nicht seiner Bestimmung entsprechend benutzt wurde. Es wurden Predigten politischen Inhalts gehalten, die Hymne des bürgerlichen Litauens gesungen und die nationalistischen Emotionen der Gläubigen geweckt. Damit wurde Punkt 2, Unterpunkt C, der Bestimmungen über Benutzung der Bethäuser und die Punkte 10 und 25 des Statuts der religiösen Gemeinschaften verletzt, in denen darauf hingewiesen wird, daß die Bethäuser nur zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse benutzt werden dürfen."

Am 20.2.1988.

Šiauliai. Die Bürger der Stadt Šiauliai Vanda Ragauskaitė, Mečislovas Jurevičius, Kęstutis Stulgys und die Brüder Arūnas und Gintaras Zem-bleckis wie auch Vincas Danielius sind am 15. Juni 1988 in die Redaktion der Rayonzeitung „Raudonoji vėliava" („Die rote Fahne") gegangen. Die Gläubigen verlangten vom Leiter der Propaganda- und Agitationsabteilung, Bulzgis, und vom Mitarbeiter dieser Abteilung, Sabaliauskas, mit der Ver­leumdung des Vikars der St. Georg-Kirche von Šiauliai, Priester Kazimie­ras Gražulis, durch die Zeitung aufzuhören. Etwas früher sind in einigen Nummern der Zeitung „Raudonoji vėliava" lügenvolle Artikel an die Adresse des genannten Priesters erschienen. Der Leiter der Abteilung für Agitation, Bulzgis, verplapperte sich dabei, daß er diese Anweisungen von oben bekommen habe. Die Lehrerin V. Ragauskaitė bedankte sich bei dem Abteilungsleiter für seine Offenheit. Die Gläubigen stellten in der Redak­tion einige Fragen, brachten ihre Unzufriedenheit über die verhältnismäßig oft in der Zeitung erscheinende Desinformation zum Ausdruck und behaupteten, daß die Perestroika diese Zeitung noch nicht erreicht habe und daß dort noch Stalinisten tätig sind.

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Tabariškės (Rayon Kaunas). Am 9. Januar 1988 erschien in der Rayon­zeitung von Kaunas ein Artikel von N. Grinevičiūtė „Die Anschauungen sind unterschiedlich, das Leben kann man aber nicht ändern". In diesem Artikel wird der Pfarrer der Pfarrei Tabariškės, Priester Petras Dumbli­auskas, deswegen angegriffen, weil er die Teilnehmer einer Beerdigung aufgefordert hatte, sich in der Kirche ehrerbietig zu verhalten. Den in der Kirche anwesenden Atheisten gefiel dies nicht, und sie richteten eine Beschwerde an die Redaktion dieser Zeitung. Priester P. Dumbliauskas schlug der Korrespondentin dieser Zeitung vor, die gekommen war, um die Sache zu klären, ihre Fragen schriftlich zu beantworten. In seinem offenen Brief schreibt Priester Dumbliauskas folgendes: „Jeder Ort verlangt nach einer strengen Etikette des Verhaltens. So benimmt sich, sagen wir, nie­mand im Theater so, wie er sich in einer Sauna benimmt, und benimmt sich nicht so in der Sauna, wie er sich im Tanzsaal benimmt, genauso gebührt es sich nicht, sich in der Kirche so zu benehmen, wie man sich in einem Erholungspark, im Sportstadion oder auf einem Jahrmarkt benimmt. (...) Wie man die eigenen Verstorbenen beisetzen soll, mit den zivilen oder kirchlichen Zeremonien, entscheiden die Menschen selber. Wenn jemand einen Verstorbenen begleitet, zwingen wir ihn nicht mit einer Flinte, in die Kirche zu gehen: Wer es will, soll hineingehen, wer es nicht will, kann ruhig draußen bleiben. Wenn aber jemand in die Kirche geht, verlangen wir von ihm ein gebührliches und der Würde des Ortes entsprechendes Beneh­men. Wenn die Hymne einer Nation gesungen wird, stehen alle Anwesen­den auf, wenn sie auch Bürger einer anderen Nation sind. Und wenn jemand dabei sitzen bleiben würde? (...) Die Kirche ist ein Haus zur Ehre Gottes und ein Haus des Gebetes, deswegen ist es auch kein Platz, um dort seine atheistischen Gesinnungen zu demonstrieren. Dazu stehen die Kathedralen des Atheismus da. Es ist aus diesem Grund selbstverständlich, daß solche ,Alleswisser', die die Würde der Kirche verletzen und die Gläubigen verärgern, in den Kirchen unerwünscht sind." Weiter hebt der Priester eine ganze Reihe von Fällen der Diskriminierung der Kirche und Probleme des Lebens hervor: „Die Kirche verpflichtet jeden Priester, das Opfer der hl. Messe darzubringen, die Sakramente zu spenden und das Evangelium Christi zu verkünden, d.h. die Menschen in den Glaubens­wahrheiten zu unterweisen, die Kinder nicht ausgenommen. Der Staat ver­bietet uns, die Kinder zu katechisieren und bestraft jene, die der Kirche, Christus gehorchen, nicht aber dem Staat und seinen Gesetzen, die gegen die Kirche gerichtet sind.

Es ist wahr, der Staat gibt den Rat, daß die Eltern ihre Kinder in den Glau­benswahrheiten unterweisen sollen. Darauf antworten wir: 1. Die Eltern haben keine Zeit, um ihre Kinder in den Glaubenswahrheiten unterrichten zu können. 2. die Eltern kennen selber die Glaubenswahrheiten aus objek­tiven Gründen nicht genau. 3. Alle Eltern, die es wollen, daß ihre Kinder das Lesen und das Schreiben erlernen, bringen ihre Kinder in die Schule. Nicht einmal die Lehrer unterrichten ihre Kinder zu Hause, sondern bringen sie in die Schule. Wenn Eltern wollen, daß ihre Kinder die Glau­benswahrheiten lernen, bringen sie sie in die Kirche, zu den Priestern. Dies ist aber durch die Gesetze verboten. Wo ist denn dann die Gewissensfrei­heit?

Christus hat gesagt: ,Laßt die Kinder zu mir kommen und wehrt es ihnen nicht; denn gerade für sie ist das Himmelreich.' Die Gesetze des Staates sagen dagegen, daß die Jungen und die Mädchen erst dann das Recht haben, an öffentlichen kirchlichen Zeremonien wie Prozessionen, Kirchen­chor, teilzunehmen und die Jungen während der hl. Messe erst ministrie-ren dürfen, wenn sie das achtzehnte Lebensjahr vollendet haben. Man darf angeblich auf junge Menschen keinen Zwang ausüben, er solle selbst, wenn er einmal reif ist, sich entscheiden, ob er ein Gläubiger oder ein Atheist sein will. Es drängt sich analog dazu der Gedanke auf, daß man auf Kinder und unreife Jugendliche keinen Zwang ausüben und sie in die Schule schicken darf. Sie sollen doch bis zur Vollendung des 18. Lebens­jahres abwarten und dann selbst entscheiden, ob sie in die Schule gehen oder Analphabeten bleiben wollen.

Als ich vor fünfzehn Jahren in Liubavas, Rayon Kapsukas, tätig war, wurde ich von der Rayonverwaltung mit einer Strafe von 25 Rubel deswegen belegt, weil minderjährige Kinder an der Osterprozession teilgenommen haben, obwohl sie zusammen mit ihren Vätern und Müttern gegangen sind. Ob ich zu Recht bestraft worden bin oder nicht, überlasse ich der Redaktion und den Lesern zu beurteilen...

Die statistischen Angaben zum Beginn des Jahres 1987 berichten folgen­des: Es gibt in Litauen 665 Priester, unter denen sind 86 Benefizianten und Residierende, das sind Priester, die arbeitsunfähig oder nur begrenzt arbeitsfähig sind, und noch 12 Kranke und Invaliden. Es gibt 630 Kirchen, von denen 474 einen eigenen Priester haben; die restlichen 156 werden von auswärts versorgt. Ein Priester muß nicht selten zwei oder drei Pfarreien versorgen. Man kann gut verstehen, daß die Lage kritisch ist. Das Amt eines Pfarrers üben noch Priester aus, die schon lange das 80. Lebensjahr erreicht haben. Wo früher in Pfarreien zwei oder drei Priester tätig waren, arbeitet jetzt ein einziger oder überhaupt keiner. Die Priester für die Kirchen Litauens würden genügen, wenn die Vertreter der Regierung sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Kirche einmischen und die Aufnahme der Kandidaten für das Priesterseminar nicht begrenzen würden."

Priester P. Dumbliauskas hebt auch das Problem des Alkoholismus und der Drogensucht hervor und fordert alle auf, ernst über die Zukunft des Volkes nachzudenken. In den Jahren der Bestrebungen für Umgestaltung und Frieden ist es auch notwendig, daß der Bischof von Vilnius, Julijonas Steponavičius, in sein Amt wieder eingesetzt wird und die unschuldig inhaftierten Priester Alfonsas Svarinskas und Sigitas Tamkevičius freigelas­sen werden, daß die Kirche „Königin des Friedens" von Klaipėda, die Kathedrale von Vilnius und die St. Casimir-Kirche zurückgegeben werden. Das wären erst die ersten Schritte der Wiedergutmachung der Ungerechtig­keiten, die an den Gläubigen verübt worden sind.

Wir wollen zu dem Artikel der Korrespondentin N. Grinevičiūtė zurück­kehren. Wenn man ihn liest, dann ist es nicht schwer zu verstehen, daß die Verfasserin in ihrem ganzen Artikel auf der Seite der Atheisten steht, die sich beschwert haben. Zornig greift sie die Behauptung des Priesters an, daß der Staat den Priestern die Katechese der Kinder verbiete und die Unfolgsamen mit Administrativ- oder sogar Gefängnisstrafen bestrafe. Gegen die Wahrheit schreibt N. Grinevičiūtė: „Das ist doch eine politische Hetze. Wegen der Katechisierung der Kinder allein, obwohl auch das gegen unsere Gesetze ist, wurde noch kein Priester bestraft."

Wofür sind aber damals die Priester A. Šeškevičius, P. Bubnys, der verstor­bene J. Zdebskis bestraft worden?!

Es kommt die berechtigte Frage auf, wann endlich die sowjetischen Korrespondenten, besonders jene der Rayonzeitungen, aufhören, Desinfor­mationen bezüglich der Kirche zu verbreiten und den Mut finden, eine einmal verbreitete Lüge zu widerrufen?!

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Rokiškis. Am Abend des Festes Allerheiligen 1987 versammelten sich die Menschen gemäß einer alten Tradition auf dem Friedhof von Rokiškis, um ihren Verstorbenen eine Ehrung zu erweisen. Auf dem alten Friedhof von Rokiškis hat der Vikar der Kirche von Rokiškis, Priester Eugenijus Sta-leronka, nach dem Hochamt eine Andacht für die Verstorbenen abgehalten. Damit das religiöse und das zivile Totengedenken auf dem neuen Friedhof nicht zu gleicher Zeit stattfinden, hielt der Pfarrer der Pfarrei Rokiškis, Priester Juozas Janulis, eine Andacht um 17 Uhr.

Als die Gläubigen schon versammelt waren, kamen auch der Pfarrer, Priester J. Janulis, der Vikar, Priester E. Staleronka, der Sakristan Vytautas Šablinskas und zwei Meßdiener zum Friedhof. Vor dem Tor des Friedhofs warteten der Vorsitzende des Exekutivkomitees der Stadt, Danielius Jurevi­čius, der Deputierte Bronius Puluikis und noch eine Person in Zivil­kleidung auf sie. Die erwähnten Vertreter der Regierung stemmten sich gegen die Tür des Autos und versuchten den Pfarrer, Priester J. Janulis, beim Aussteigen zu behindern. B. Puluikis schrie: „Zeigen Sie uns eine schriftliche Erlaubnis!" Der Pfarrer erklärte ihm, daß er nichts Schriftliches habe, er habe aber mit der Rayonverwaltung eine mündliche Abmachung darüber getroffen. Priester J. Janulis war einige Tage vorher von der Rayon­verwaltung zu einem Gespräch geladen, bei dem er den Rayonbeamten bewiesen hatte, daß gemäß den Bestimmungen das Abhalten religiöser Zeremonien auf dem Friedhof niemand verbieten dürfe, und er bekam eine mündliche Genehmigung. Nach einiger Zeit stieg der Pfarrer aus dem Auto heraus und begann sich für die Zeremonien vorzubereiten. Die jun­gen Meßdiener hielten das Kreuz. Der Vorsitzende des Exkutivkomitees, Danielius Juravičius, protestierte dagegen: „Minderjährige tragen das Kreuz!" Das Mitglied des Kirchenkomitees, Šablinskas, übernahm das Kreuz. Der Vorsitzende D. Jurevičius entriß mit Gewalt aus der Hand von Šablinskas das Kreuz und versuchte, es im Kofferraum des Autos zu ver­stauen. Der Vikar, Priester E. Staleronka, ermahnte ihn: „Das Kreuz ist geweiht". Die Gläubigen nahmen das Kreuz dem Vorsitzenden des Exeku­tivkomitees ab. Der Deputierte Puluikis versuchte die Zeremonie zu ver­hindern und schrie auch dann noch, als sie schon im Gange war: „Geht auseinander!" Als sich die Prozession zu der zweiten Station bewegte, kam es zwischen den Gläubigen und dem Deputierten Puluikis zu einer

Rempelei. Die Leute verlangten, Puluikis solle seine Mütze abnehmen und das Beten nicht stören. Weiter wurden die Zeremonien direkt nicht behin­dert. Man begnügte sich mit der Beobachtung.

Nach einiger Zeit wurde eine Kommission aus Vilnius geschickt, um diese Angelegenheit zu überprüfen. Die Ortsverwaltung wurde gezwungen, sich durch die Presse öffentlich zu entschuldigen. In der Zeitschrift „Gimtasis kraštas" („Heimatland") für 3. bis 9. Dezember wurde eine kurze entschuldigende Nachricht veröffentlicht: „Die Beamten der Stadtver­waltung von Rokiškis haben den Pfarrer der Kirche von Rokiškis, Priester Juozas Janulis, wegen des Vorfalls, der am Abend des Festes Allerheiligen auf dem neuen Friedhof der Stadt Rokiškis stattfand, um Verzeihung gebeten."

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Gargždai (Rayon Klaipėda), am 23. August 1987 begingen die Gläubi­gen der Pfarrei Mikoliškiai (im Rayon Kretinga) in ihrer Kirche feierlich das 600-jährige Jubiläum der Taufe Litauens. Auch S. Exz. Bischof Antanas Vaičius nahm an den Feierlichkeiten teil. Mit einem Linienbus zum Gottesdienst nach Mikoliškiai zu kommen, ist vollkommen unmöglich, weil die Zeiten ungünstig sind. Schon seit Jahren fordern die Gläubigen von Mikoliškiai die Verwaltung des Autoparks auf, die Abfahrtszeiten der Linienbusse zu ändern, wenn das aber nach Ansicht der Verwaltung unmöglich sei, ihnen zu erlauben, den Paragraph 3 des Statuts der religiö­sen Gemeinschaften in Anspruch zu nehmen, der besagt: „Die religiöse Gemeinschaft hat das Recht, ein Transportmittel zu erwerben". Es wurden Hunderte von Unterschriften gesammelt, aber die Behörde des Bevoll­mächtigten des RfR, P. Anilionis, hindert die Gläubigen am Erwerb eines Omnibusses.

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Geniai (Rayon Alytus). Irgendjemand hat in der Nacht zum 20. April 1988 im Dorf Geniai an Stelle eines umgefallenen Kreuzes ein neues auf­gestellt. Das Kreuz stand nicht einmal einen Tag; es wurde auf Anordnung der Regierungsbeamten abgerissen.

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IN DEN ANDEREN SOWJETISCHEN REPUBLIKEN

Gervėčiai (Weißrußland). In der Pfarrei Gervėčiai, in der eine große Zahl von litauischen Völksangehörigen lebt, wurde voriges Jahr das Gedenken des 600-jährigen Jubiläums der Taufe Litauens nicht gefeiert.

Die Gläubigen bemühten sich, wenigstens dieses Jahr dieses Jubiläums zu gedenken. Sie wandten sich an Bischof Julijonas Steponavičius (Bischof J. Steponavičius ist in der Pfarrei Gervėčiai im Dorf Mičiūnai geboren) und baten ihn um Hilfe. Der Bischof half den Gläubigen bei ihren Bemü­hungen und bat selbst den Pfarrer der Pfarrei Gervėčiai, Priester Gwozdo-wicz, auf Bitte der Gläubigen den Gottesdienst aus Anlaß des Jubiläums zu feiern. In ihrem Schreiben an den Pfarrer haben die Gläubigen gebe­ten:

Das Gedenken am 29. Mai 1988 (Fest der Heiligen Dreifaltigkeit) zu feiern, darüber die Gläubigen rechtzeitig zu informieren, den Gottesdienst nicht wie gewohnt um 11 Uhr sondern um 12 Uhr zu beginnen, damit auch Gäste aus Litauen zum Gottesdienst kommen können;

ein Bild des seligen Erzbischofs Jurgis Matulaitis in der Kirche von Gervėčiai aufzuhängen.

Die Pfarrangehörigen erwarben selber ein Bild des Seligen und haben einen Gastpriester aus Litauen eingeladen, damit die hl. Messe gefeiert und die Predigt in der Sprache ihrer Eltern und Ahnen gehalten werden kann.

Um eine Erlaubnis für diese Feierlichkeiten zu bekommen, wandte sich der Pfarrer von Gervėčiai, Priester Gwozdowicz, an die Rayonverwaltung. Wie zu erwarten war, erteilte die Verwaltung diese Genehmigung nicht. Nachdem Priester Gwozdowicz keine Genehmigung bekommen hatte, bereitete er die Gedenkfeierlichkeiten nicht weiter vor und weigerte sich, das Bild des seligen Erzbischofs Jurgis Matulaitis in der Kirche von Gervėčiai aufzuhängen.

Am 29. Mai sagte Priester Gwozdowicz dem aus Litauen gekommenen Priester, er solle verkünden, daß nach dem Gottesdienst in polnischer Sprache, gegen 15 Uhr 30 die Litauer das Taufjubiläum auf dem Kirchhof begehen dürften.

Im Jahre 1387 wurde das gesamte damalige ethnische Litauen getauft, das bedeutet: auch das Gebiet nach Osten hin bis zum See Narutis und noch weiter hinaus, und Gervėčiai ebenfalls. Deswegen erheben die Gläubigen der Pfarrei Gervėčiai zu Recht die Frage, warum sie so entrechtet sind, daß sie das Jubiläum des Landes ihrer Ahnen nur auf dem Kirchhof begehen dürfen, und das auch nur nach einer nur einige Stunden zuvor gemachten Ankündigung.

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Vy d ž i a i (Weißrußland, Rayon Breslauja). Die Gläubigen der Pfarrei Vyd-žiai haben sich schon einige Male mit einer Erklärung an das Zentralkomi­tee der KPdSU gewandt mit der Forderung, ihnen ihre in den Nachkriegs­jahren weggenommene Kirche zurückzugeben.

Berichtigung. In dem Artikel „Ehrung der großen Männer der Kirche und des Volkes" in der „Chronik d. L. K. K." Nr. 77 ist ein Fehler un­terlaufen. Am Gedenken des 2. Todestages des Priesters J. Zdebskis in der Kirche von Rudamina am 5. Februar 1988 nahm S. Exz. Bischof Julijonas Steponavičius nicht teil.

Litauer, vergiß es nicht, daß

Priester Sigitas Tamkevičius Viktoras Petkus Balys Gajauskas Petras Gražulis Gintautas Iešmantas

und andere die Ketten der Unfreiheit tragen, damit du frei leben und glauben darfst!

 
 
  Sukurta padedant Arkivyskupui S.Tamkevičiui SJ & windows vista forum